Als Hochstubai wird der Bereich der Stubaier Alpen mit den höchsten Bergen und Graten zwischen Schrankogel, Ruderhofspitze und dem Wilden Freiger bezeichnet. Die breiten und langgezogenen, meist mit Steilstufen garnierten und dennoch meist wenig spaltigen Gletscher des klassischen Frühjahr-Skitourenreviers sind eingebettet in schroffe dunkle Zentralalpengrate. Am Gipfel angekommen, findet sich häufig eine rassige Abfahrtsvariante, die den Tourcarver in die Tiefe und den Pulsschlag in die Höhe schießen lässt. Darunter liegen gletschergerundete Täler, die zügige Aufstiege und Abfahrten versprechen, sieht man von einigen rechten Hatschern wie an der Franz-Senn-Hütte ab. Die Länge der Routen schwankt vom Tal aus zwischen 1.300 und 1.700 Höhenmetern – die Stubaier Alpen sind also nichts für Konditionsschwache. Selbst bei klassischen Hüttentouren muss man noch bis zu 1.400 Höhenmeter, oft inklusive Gletscherausrüstung bis zum meist felsigen Gipfel bewältigen: Die Touren des Hochstubai sind ideal geeignet für Fortgeschrittene oder Hochtouren-Einsteiger unter Anleitung. Fast alle Skiberge sind aus dem Stubaital zugänglich.

Oberbergtal

Einer der bekanntesten Hochtourenstützpunkte Tirols ist die Franz-Senn-Hütte – benannt nach dem Ende des 19. Jahrhunderts im Stubaital lebenden Alpinisten und Gletscherpfarrer Franz Senn, Mitbegründer des Deutschen Alpenvereins und Initiator des Hüttenbaus. Der Vier-Kilometer-Hatscher von Seduck bis zum Aufstieg zur Franz-Senn-Hütte (2.149 m) bereitet schon mal auf die Wehen einer klassischen Skihochtour vor: Ein langer flacher Talzustieg, gefolgt von vielen Höhenmetern kennzeichnet die großen Touren um den Alpeiner Ferner. Nicht jedoch den genussvollen, relativ gleichmäßig geneigten und lawinensicheren Aufstieg zur Inneren Sommerwand (3.123 m, 1.000 Hm, 3 Std.), der gerne als Schlechtwetter- oder Ausstiegstour unter die Brettl genommen wird. Denn steigt man bei der Abfahrt vom Stiergschwez kurz auf zum Gschwezgrat, lässt sich über den Kuhgschwez direkt nordseitig ins Tal abfahren.

Ebenfalls nicht wild, aber deutlich länger ist die Tour zum Wilden Hinterbergl (3.288 m, 1.150 Hm, 4 Std.) – zumindest wenn man den unteren Teil des zerklüfteten Berglasferners umgeht und ihm in einer weiten Schleife über den Verborgen-Berg-Ferner und die Turmscharte aufs Firnhaupt steigt. Eindrucksvoll rahmen von hier oben die firnbezogenen Eisflanken des Schrankogels und der Seespitzen die felsigere Ruderhofspitze und die etwas fernere, weiße Haube des Zuckerhütls ein. Gleitet man von der Gletscherzunge des Alpeinerferners auf knapp 2.700 Meter statt rechts zum Verborgen-Berg-Ferner links zum Alpeiner Kräulferner hinauf, befindet man sich auf der relativ wenig begangenen Rassetour zur Östlichen Seespitze (3.416 m, 1.250 Hm, 4 Std.). Ab etwa dreitausend Meter befindet sich hier im Sommer eine vierzig Grad steile Eisflanke, über die man im Winter mit etwas mulmigem Gefühl bis zum Gipfel aufsteigt – und hellauf begeistert im spritzenden Sahnefirn 1.100 Höhenmeter bis in den Grund des Alpeiner Tals hinabschwingt.

Das Gegenstück zu dieser relativ direkten Skitour für Abfahrts-Freaks ist der lange Hochtourenklassiker zum Schrankogel (3.497 m, 1.450 Hm, 5,5 Std.). Am eindrucksvollen Gletscherbruch des Alpeiner Ferners nördlich vorbei, gleitet man hinauf zur Wildgratscharte und überquert auf der anderen Seite abfahrend den Schwarzenbergferner zum Ostrücken des Schrankogels. Interesssant ist der Dreihundert-Höhenmeter-Aufstieg zu Fuß, spannend die Überschreitung des messerscharfen Firngrats – und atemberaubend wäre eine Extremabfahrt über die nordöstliche Eisflanke (unten über fünfzig Grad!). Wer glaubt, bei der Tour zur Ruderhofspitze (3.474 m, 1.350 Hm, 5 Std.) ginge es wesentlich gemütlicher zu, der täuscht sich: Zwar wackelt man oberhalb des Gletscherbruchs in langer Linksschleife über das weite obere Firnbecken in ein Nebenbassin. Aber der Aufstieg durch die steile Firnrinne oder den Klettersteig daneben zum unschwierigen Gipfelgrat ist nicht jedermanns Sache.

Unterbergtal

Daher geht der Skitourengeher von heute die Ruderhofspitze lieber von der Mutterbergalm (1.748 m) im Unterbergtal an, der Talstation des Stubaier Gletscherskigebiets. Mit Ausnahme der anfänglichen Karrenwegsschleife zum Mutterberger Leger und der Linksquerung vom Ruderhof-Kar zum Ruderhof-Ferner zieht die südseitige Route zügig gerade hoch zum Gipfel (5 Std.). Wer Nerven für die Steilstufe darunter, Harscheisen und zur Sicherheit Leichtsteigeisen mitgebracht hat, der kann sich jetzt auf eine rassige 1.700-Höhenmeter-Abfahrt der Extraklasse freuen. Während die Frühaufsteher bei einer Gipfelbrotzeit auf den richtigen Auffirn-Zeitpunkt warten, lassen sie den Blick über die gesamten Stubaier Alpen streichen, bewundern den felsgepanzerten Olperer im Tuxer Hauptkamm und die gletschergleißende Ötztaler Wildspitze. Etwas schüchtern wirkt dagegen die Firnhaube des gegenüber zwischen den Pfaffen stehenden Zuckerhütls. Kaum ein Berg trägt seinen Namen so zu Recht. Als einer der leichteren und seit dem Bau der Stubaier Gletscherbahn am leichtesten zugänglichen höchsten Gebirgsgruppen-Gipfel Österreichs ist er meist recht gut besucht. Nach der Auffahrt mit den Stubaier Gletscherbahnen muss man nicht lange durch die Pulks der Pistler hindurchqueren, bis man in die Einsamkeit des felsumstandenen Fernauferners entlassen wird. Über den welligen Gletscherboden gleitend, steht man bald unter dem kurzen Steilhang zum Langen Pfaffennieder und krabbelt über Urgesteinsblöcke zur Rampe auf der anderen Seite des Übergangs. Eventuell mit Seil geht es in elegantem Bogen unter dem von einer klaffenden Riesenspalte zerschnittenen Zuckerhut zum steilen Aufstiegsrücken des Zuckerhütl überm Pfaffensattel. Nach Süden 500 Meter Luft, nach Norden eine steile Firnflanke, die Spur zum Gipfel (3.507 m, 950 Hm, 3,5 Std.) oft vereist: Da schnallt man doch lieber Steigeisen an die Skitourenstiefel.

Das Panorama reicht weit hinüber in die Zillertaler Alpen und Dolomiten im Wintermantel, zur wilden Seite der Ötztaler Wildspitze und weit hinaus zu König Ortler. Im Osten spitzt hinterm Wilden Pfaff der eher unscheinbare Wilde Freiger mit seiner nicht einsehbaren, rasanten Nordabfahrt hervor. Die Abfahrt vom Zuckerhütl über den Sulzenauferner erscheint zwar spaltig. Aber am Durchschlupf unterm Langen Pfaffennieder schwebt man mitten durch eine wilde Szenerie zwischen Felswand und Gletscherbruch hindurch hinunter zur im Winter leider geschlossenen, neuen Sulzenauhütte (2.191 m).

Die ist im Frühjahr der ideale Ausgangspunkt für die rassige Firnskitour zum Wilden Freiger (3.418 m), der zu Unrecht im Schatten des Zuckerhütl steht. Er ist nicht nur anspruchsvoller, sondern bietet auch eine schönere Abfahrt beziehungsweise steilere Abfahrtsvariante. Schon der Zustieg kann alpinen Charakter beanspruchen: Über steile Hänge führt er um eine Ecke herum in die Sulzauklamm mit beidseitig hochschießenden Wänden, die einen fast in den Bach drängen. Dann verstellt eine fast dreihundert Meter hohe Schrofenwand den Weg, die es rechtsseitig zu überlisten gilt. Oberhalb lacht zur Belohnung die Sulzenauhütte. Aus dem weiten oberen Sulzenautal geht es links in die Abgeschiedenheit der von Fels- und Schrofenwänden eingefaßten Fernerstube hinauf. In gleichmäßiger Steigung gleitet man dahin, bis man vor einer Schrofenflanke steht, über die eine Leiter auf die Südseite des Alpenhauptkamms führt. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Danach geht es – endlich in der Sonne und im Angesicht des scheuen Wilden Freigers – zügig am auf der Becherspitze thronenden Becherhaus (3.190 m) vorbei gipfelwärts.

Die Sicht steht zwar etwas hinter der vom Zuckerhütl zurück, der im Nordosten aufragende Felsklotz des Habichts und die Feuersteine wirken aber von hier aus besonders eindrucksvoll. Außerdem sieht man über den Übeltalferner hinunter auf die kleineren Skiberge der Südtiroler Stubaier. Wer die Abfahrt optimal erwischt, der brettert ab dem Gipfel in sagenhaftem Firnrausch nordseitig abwärts Richtung Grünausee. Die Querung zur Hütte und die Sulzabfahrt unterhalb streicht man einfach aus dem Gedächtnis.