Der Name des höchsten Berges Deutschlands, der 2.962 Meter hohen Zugspitze, erklärt sich natürlich nicht daraus, dass man ihn – fast –mit dem Zug erreichen kann. Tatsächlich gelangt man von Garmisch mit einer elektrischen Adhäsionsbahn ins Zugspitzdorf Grainau. Von dort rattert eine Zahnradbahn (Spurweite ein Meter, System Riggenbach) zum Fuß der Riffelwand und durch einen 4,5 Kilometer langen Tunnel bis zum „Platt“, der großen, schrägen und für den Wintersport erschlossenen Karsthochfläche südlich unterhalb der Zugspitze. Dort hinauf gelangt man dann mit einer Seilbahn.

Auf dem berühmten „Atlas Tyrolensis“ von 1774 ist von der Zugspitze noch nichts zu sehen: Neben den wirtschaftlich interessanteren Tälern, Almen und Bergbaugebieten verzeichneten die Tiroler Kartographie-Pioniere Peter Anich und Blasius Hueber nur „auf Blattach“ (eben jenes „Platt“) und den „Blattacher Ferner“ (den heute bis auf zwei geringe Firnreste abgeschmolzenen Schneeferner), die „Höhlethal Schrofen“ (den wilden Felskamm der Höllentalspitzen) und zwei Gipfel mit der Bezeichnung „Wetterstein“, über denen die Menschen seit jeher meteorologische Veränderungen ablasen.

Etwa zur gleichen Zeit, zwischen 1750 und 1780, fertigte auch ein einheimischer Förster eine Karte des Zugspitzgebiets an, und zwar mit genauen Wegbeschreibungen. Beispielsweise für den Weg von Garmisch-Partenkirchen durch das Reintal „ybers blath uf Zugspitz“ veranschlagte er „8 1/2 Stundt“. Obwohl seit Jahrhunderten „erschröckliche“ Geschichten über Berggeister kursierten, waren offenbar schon sehr früh Menschen in der Gipfelregion unterwegs – zur Jagd oder auf der Suche nach verirrten Schafen, ziemlich sicher auch mit rußgeschwärztem Gesicht zum Wildern oder mit Schmuggelgut auf dem Buckel.

Die erste verbürgte Ersteigung der Zugspitze gelang Joseph Naus, einem Leutnant der bayerischen Armee, am 27. August 1820 mit dem Partenkirchner Führer Johann Georg Tauschl. Beim Abstieg überraschte die Gruppe ein Unwetter, aber auch die Spalten des damals noch ausgedehnten Schneeferners sorgten für Angst und Schrecken. Es folgten weitere Ersteigungen auf allen erdenklichen Routen, der Bau eigener Bergsteiger-Unterkünfte wie der Knorrhütte (1855) oder der Höllentalangerhütte (1893) sowie die Anlage von Gipfelwegen, die stellenweise aus dem Fels gesprengt bzw. mit Stahlseilen und Metallstiften gesichert wurden.

1851 entstand das erste Kreuz auf dem Westgipfel. Es hielt Blitzen und Schneestürmen stand, nicht aber dem Willen der Alpenvereinssektion München, auf dem höchsten Punkt des damaligen Deutschen Reiches ein Schutzhaus zu errichten. 1897 war der Urbau des Münchner Hauses fertig; im folgenden Jahr fanden hier bereits 1800 Besucher ein Dach überm Kopf. Allerdings rief das Vorhaben auch Gegner auf den Plan, weil man „die stumpfsinnige Masse nicht auf den Gipfel hinauflocken“ wollte. Als hätte man geahnt, was noch folgen sollte: Um 1900 entstand ein Turm neben der Hütte, von dem das Wetter täglich über eine 21 Kilometer lange Telefonleitung nach Partenkirchen gemeldet wurde. Während der Wintermonate mussten die Wetterwarte zunächst allein auf dem Berg ausharren.

Das änderte sich erst 1926, als die Tiroler die erste Zugspitz-Seilbahn eröffneten: Ihre Talstation steht in der Nähe von Ehrwald, die Bergstation unter dem Westgipfel, wo auch das damals höchstgelegene Hotel Österreichs entstand. Mit der Realisierung der bayerischen Zahnradbahn bekam auch das „Platt“ eine entsprechende Herberge samt Seilbahn zum Gipfel: Das für die damalige Zeit luxuriös ausgestattete Schneefernerhaus, in dem zum Beispiel Deutschlands „oberster“ Frisör wirkte, entwickelte sich bald zum Zentrum des Skibetriebs. Heute reichen die Liftanlagen bis auf die Höhe der Knorrhütte hinunter. Seit den 1960er Jahren surrt auch von der deutschen Seite eine Seilbahn herauf, während sich rund um das Gipfelhaus – wie beim Turmbau zu Babel – immer mehr wissenschaftliche und touristische Einrichtungen anlagerten: von einer zweiten, unbemannten Wetterstation der Österreicher bis zur Multivisionsshow, vom Geldautomaten bis zum höchstgelegenen Biergarten Bayerns. Im Messturm der nach wie vor ständig besetzten deutschen Wetterstation erfasst man heute eine breite Palette meteorologischer Parameter, die viele Grunddaten für die Klimaforschung liefern. Ein Gipfelkreuz hat die Zugspitze übrigens auch wieder: Es steht – etwas abgedrängt und nur mit Hilfe von Sicherungen erreichbar, aber frisch renoviert – auf dem schroffen Ostgipfel.