Der Isarwinkel in den Bayerischen Alpen ist bekannt und beliebt wegen seiner flachen Almrücken, die man durch relativ steilen Wald auf häufig relativ schlechten Wegen erreicht. Konditioneller und emotionaler Höhepunkt ist daher die eindrucksvolle Benediktenwand (1.801 m). Im Winter liegen die Höhepunkte mitten in den Steilwäldern, die man im Sommer schnell durcheilt und allenfalls als Schattenspender willkommen geheißen hat: Schneisenabfahrten sind der Hit des Isarwinkels, und je weg- sprich spurloser der Pulverschnee desto besser. Dabei gehört die auch nicht schlechte Normaltour zur „Benewand“ (von Benediktbeuern im Westen) keineswegs zu den Toptouren. Eher sind es Bergerl um 1.600 Meter mit so harmlos klingenden Namen wie Schönberg, Seekarkreuz, Hirschhörndl und Staffel, deren Routenverlauf auf der Skitourenkarte nur selten erkennbar ist.

Am Staffel (1.532 m) in der Jachenau wurde nach dem Windbruch von 1992 die östliche Nordflanke kahlgeschlagen, die von den Jachenauern nicht umsonst Zachenwand genannt wird. Das musste ich ausprobieren. Von Bäcker glitt ich entlang dem Babyschlepplift aufwärts, kämpfte mich durch Jungbuchendickicht und stellte fest, dass ich zu weit rechts war und abwärts zum Einstieg queren müsste. Nicht mit mir! Also querte ich die sausteile untere Flanke, zum Schluss auf einem Felsband und stieg dann – besonders bei Spitzkehren jede Geländekontur ausnutzend – hinauf. „Ha, sicher eine Erstbegehung“, hoffe ich, als plötzlich zwei Skitourer im Traumpulver auf harter Unterlage auf mich zugewedelt kommen. „Logisch, dass das hier ein Insider-Tipp ist“, korrigiere ich mich. Allerdings sind die beiden über den bequemeren Sommerweg hoch gekommen. Bald lehnt sich der Hang zurück und ich lande am Westrücken vor einem steilen Fichtendickicht. Was nun? Durch Hochwald quere ich leicht ansteigend Richtung Staffelalm bis dieser sich lichtet, ich steil gerade hinauf serpentinieren kann und über den Südrücken mit satten Stollen an den Steigfellen das Gipfelbankerl mit Karwendelblick erreiche. Die der Brotzeit folgende Abfahrt über spurlose, teils ausgesetzte Hänge bis vierzig Grad Neigung gehört zum Berauschendsten, was ich auf einer Skitour je erlebt habe…

Vom Staffel aus sieht man auf die meisten Isarwinkler Skitourenschmankerl oder ihre Gipfel. Im Süden geht der teils licht bewaldete, teils „windgebrochene“, steile Nordrücken des Stuhlbachjochs (1.736 m) im oberen Isartal on der Straße zwischen Fall und Vorderriß aus los (Parknische oder Fahrweg suchen). Eine knackige Tour, bei der einem im Aufstieg nichts geschenkt wird (Einstieg durch unangenehme Fichtendickung, 30 Hm). Die Abfahrt ist dafür bei hoher Schneelage (meist Dezember bis Januar) ein Erlebnis für jeden, der unkonventionelle Routen liebt – Sprünge über quer liegende Baumstämme inklusive.

Im Norden steht als breiter „Walrücken“ die erwähnte Benediktenwand mit der vom Staffel nicht sichtbaren, eher konventionellen (mit 20-minütigem Flachstück) und dennoch unverdient selten befahrenen nordwestseitigen Abfahrt. Davor ragt keck der kleine Hirschhörndlkopf (1.514 m) auf, von dessen Gipfel eine Lawinenschneise gerade 450 Höhenmeter nach Süden herunterpfeift. Der Anstieg auf dem Sommerweg ist unproblematisch, sofern man ihn nicht unten und oben abkürzt. Für die Abfahrt wäre Spätwinterfirn ideal, zumal wenn Rinnenspezialisten bei genügend Schnee über die untere Schrofenstufe brechen können, statt im unteren Drittel links über den freien Steilhang auszuweichen. Nach dem Auslauf schlägt man sich insgesamt leicht linkshaltend durch den Wald, um per Fahrweg nach Jachenau zurückzurutschen. Im Nordosten ragen die im Sommer wie Winter beliebten Wald- und Wiesenrücken bzw. Schneisen- und Skiberge des eigentlichen Isarwinkels über dem Lenggrieser Gemeindeteil Fleck auf: Schönberg (1.620 m) und Seekarkreuz (1.601 m).

Wir wollen heute vor dem Mittagessen noch eine Skitour einlegen. In aller Herrgottsfrühe fummeln wir also in beißender Kälte trotz Spätwinter mit steifen Fingern an unseren Skistiefeln und Fellen herum und starten dann vom Flecker Parkplatz durch. An der Abzweigung zum Schönberg gleiten wir gerade weiter unter der Alpelwand hoch zum Alpel-Hüttchen. Hier wird es richtig steil und hier hört die Verhauerspur unserer Vorgänger auf. Durch tiefen Altpulver spure ich raschelnd zwischen Stock und Hang die sich verbreiternde Schneise linkshaltend hinauf – als plötzlich die Sonne über den Schönberg lugt und die unberührte Fläche ringsum in ein glitzerndes Meer aus Schneekristallen verwandelt. Dampfend wie Pferde stehen wir endlich am Seekarrücken und nehmen den Gipfel noch mit. Erst dort wimmelt es von Skispuren, denn das kleine, aber vielfältige Tourengebiet ums Seekarkreuz wird normalerweise von hinten, nämlich der Winterstube im Weißachtal aus angegangen. Bei der Abfahrt dreht Roland etwas oberhalb unseres „Ausstiegs“ ohne anzuhalten in die hier 40° steile Schneise ein und bricht johlend hinab. „Du, wir sind noch gut in der Zeit, pack’ ma auch den Schönberg!“, meint der konditionsstarke Mountainbiker an einem links abzweigenden Fahrweg, als ich ihn wieder erreiche. Diesmal haben wir bereits eine Spur und stehen um halb Zwölf am kreuzlosen Gipfel des Schönbergs. „Der Nordhang hat noch keine Befahrung, nehmen wir vorsichtshalber oben die Waldeinfahrt“, sage ich und schon rast Roland wieder los, wedelt mit weithin schallenden Juchzern durch den staubenden Pulver, bis der Wald ihn etwas in seinem Bewegungsdrang bremst. Zwar hat er es nicht ganz zum Mittagessen geschafft, aber seine Frau hat es ihm warm gehalten…