Spätestens seit dem 19. September 1991 sind die Ötztaler Alpen auch Nicht-Bergsteigern ein Begriff: An diesem Tag fand das Nürnberger Ehepaar Simon die mumifizierte Leiche eines Mannes, die der abschmelzende Niederjochferner beim Tisenjoch nahe der Similaunhütte freigab. Bald stellte sich heraus, dass der Tote rund 5300 Jahre lang vom Gletschereis konserviert worden war. „Ötzi“, wie er bald liebevoll-ironisch genannt wurde, war also in der Jungsteinzeit ums Leben gekommen. Aber wie? Möglicherweise durch Mord, denn in seiner linken Schulter entdeckte man eine Pfeilspitze, man fand aber auch Schnittwunden in seiner Haut und Serienrippenbrüche.

Wer war der „Mann vom Similaun“?

Gegen diese These spricht, dass ihm so wertvolle Utensilien wie eine Bärenfellmütze, ein Beil mit Kupferklinge, ein Dolch und ein Bohrer aus Feuerstein, eine Knochennadel oder ein 182 cm langer, jedoch noch unfertiger Eibenholzbogen samt 14 Pfeilschäften nicht entwendet wurden. Man verglich Ötzis Ausrüstung mit Grabausstattungen aus der Kupferzeit: Bloß ein einziges Grab aus der Zeit zwischen 3400 und 2900 v. Chr. war mit ähnlichen Utensilien ausgestattet. Auch Ötzis vergleichsweise hohes Alter – er starb mit etwa 47 Jahren – und die Tatsache, dass er tätowiert war, könnten Hinweise darauf sein, dass es sich um eine besondere Persönlichkeit handelte. War Ötzi ein Häuptling oder ein Schamane? Und wurde er etwa rituell geopfert? Beispiele dafür sind aus einigen Kulturen in den Bergen der Welt bekannt. Natürlich ging man auch der Frage nach, woher Ötzi eigentlich kam. Untersuchungen lassen darauf schließen, dass er aus dem Gebiet des heutigen Südtirol stammt. Forscher des University College London und des Regionalkrankenhauses Bozen stellten fest, dass seine Gene im Wesentlichen mit denen der heutigen Bevölkerung übereinstimmen. Ganz andere Aspekte bringt der Ötztaler Bergbauer, Dichter und Forscher Hans Haid in die Diskussion: Schon alte Sagen aus dem Ötztal berichten von einem Mann, der im „Hinteren Eis“ verschwunden ist. Er soll sich auf der Jagd nach Gämsen ins Reich der Saligen vorgewagt haben. Diese geheimnisumwitterten Frauen treten in der Mythologie oft als Dreiheit auf – von den römischen Parzen bis zu den katholischen Heiligen Katharina, Barbara und Margaretha, den „drei heiligen Madln“. Die Matriarchatsforschung weist diesen Gestalten eine besondere Bedeutung zu: Die jungsteinzeitliche Hirtenkultur war möglicherweise keineswegs so fest in Männerhand, wie dies heute gemeinhin postuliert wird. Die Sagen bestätigen jedenfalls, was die Wissenschaft nach und nach zutage fördert: Die Ötztaler Alpen sind eine uralte und reichhaltige Kulturlandschaft. Man fand geheimnisvolle Schalensteine mit ausgeriebenen Näpfchen und Ritzzeichen, etwa im Windachtal, hinter Mechthilds Almhütte auf der Lenzenalm bei Obergurgl, am „Teufelsfelsen“ bei Heiligkreuz im Ventertal, am Mutsbichl bei Vent, im Tisental, am Finailsee im Schnalstal oder bei den Spronser Seen hoch über Meran. Besonders interessante Zeugnisse der Urgeschichte sind oberhalb von Vent zu sehen: Im Niedertal liegt beispielsweise der „Hohle Stein“, ein riesiger Felsblock mit Bearbeitungsspuren, der mehreren Menschen Schutz vor Wind und Wetter bietet. Forscher fanden dort bis zu 8000 Jahre alte Splittersteine aus dem Süden der Alpen, aber auch Bergkristallspitzen, die aus dem Bereich der Tauern oder dem Engadin stammen. Weiter oben, auf der „Kaser“ in der Nähe der verfallenen Ochsenalmhütte, wo es nach der Überlieferung eine „verfluchte Alm“ gab, staunt man über Steinreihen mit Menhiren (aufgerichteten Steinen, deren Bezeichnung aus dem Bretonischen kommt: men = Stein und hir = lang). Durch das Niedertal führt der Weg über das Tisenjoch in den gleichnamigen Seitenast des Schnalstals, wo auf einer abgelegenen Verebnung oberhalb der Waldgrenze rund angelegte Trockensteinmauern entdeckt wurden. Man deutet dieses „Schneckenhaus“ oder „Labyrinth“, wie es die Einheimischen nennen, als Kultstätte aus der Jungsteinzeit.

Mit den Schafen über den Alpenhauptkamm

Auf jeden Fall ist im Raum Vent die Nutzung durch Menschen seit 10.000 Jahren nachweisbar; die Beweidung erfolgt, wie Pollenanalysen bei Obergurgl ergeben haben, seit 6.200 Jahren. Wahrscheinlich wurden schon damals Schafherden aus dem Süden auf die Weidegründe des innersten Ötztals getrieben. Diese saisonalen Schaftriebe finden heute noch statt: Jedes Jahr im Juni ziehen etwa 1.900 Tiere über das vergletscherte Niederjoch (3.016 m), rund 1500 kommen über das Hochjoch (2.810 m), 1500 bis 2000 wandern über das Timmelsjoch (2.478 m). Auf den hoch gelegenen Weiden im Norden des Alpenhauptkammes besitzen Südtiroler Bauern seit jeher große Weiden. Im September geht es wieder in die heimatlichen Höfe zurück.

Es ist wohl kein Wunder, dass sich viele „Kultplätze“ an den Wanderrouten der Schafe finden. Auf diesen Routen kamen auch die Ersten, die sich schließlich im Gebiet von Vent sesshaft machten. Sie dürften zum rätischen Volksstamm der Venosten gehört haben, ebenso wie die Breonen, die vereinzelt aus dem Inntal über die Pillerhöhe ins Pitztal wanderten. 1992 entdeckte man auf dieser Anhöhe zwischen Wenns und Prutz einen Brandopferplatz, der in die mittlere Bronzezeit zurückweist – da den Göttern dort Tiere und Feldfrüchte dargebracht wurden, musste es damals schon Siedlungen in der Umgebung gegeben haben. Tatsächlich entdeckte man bei Roppen eine bronzezeitliche Höhensiedlung, aber auch hallstattzeitliche Relikte bei Oetz und Haiming.

Die Eroberung der Täler

Im Jahre 15 v. Chr. eroberten die Römer den Alpenraum und damit auch das Gebiet der Räter, das zu einer römischen Provinz wurde. Nach und nach nahmen die Alteingesessenen die lateinische Sprache, die Lebensweise der neuen Siedler und schließlich auch die christliche Religion an. An diese Epoche erinnern noch etliche romanische Orts- und Flurnamen, etwa jene der Hohen Mut bei Obergurgl (motta = Hügel), der Fundusalm (fundus = Talboden) oder des Timmelsjochs (tumulus = Anhöhe). Ab 550 drangen die aus dem Alpenvorland kommenden Baiern in das 80 km lange Ötztal, das 40 km lange Pitztal und das 30 km lange Kaunertal ein. Mit ihnen begann die intensivste Siedlungswelle in den Ötztaler Alpen. Ihre frühesten urkundlichen Zeugnisse weisen ins 12. Jahrhundert zurück: 1150 wird Sölden als „Seldon“ genannt (selda bedeutete so viel wie kleinste bäuerliche Besitzgröße), 1163 das Ötztal („Ezital“) und 1265 das „Puzzental“ (Pitztal). An die Kulturlandgewinnung durch die Brandrodung erinnern heute noch die Namen der Weiler Brand bei Längenfeld im Ötztal oder Brennwald im Pitztal. Die Grundherren – neben dem Landesfürsten die Herren von Schwangau bei Füssen, von Starkenberg bei Tarrenz, von Montalban bei Meran sowie die Klöster Stams und Frauenchiemsee – förderten mit verschiedenen Privilegien die Gründung von hoch gelegenen Schwaighöfen, auf denen man vor allem von der Viehwirtschaft lebte. Auf manchen dieser Anwesen, etwa im Weiler Farst, der über einer 500 m hohen Felsflanke bei Umhausen „klebt“, fristeten so genannte Zieferbauern ihr Dasein, die nur Kleinvieh wie Ziegen und Schafe hielten. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts, als sich das Klima verschlechterte, wurden die meisten Schwaighöfe wieder verlassen und nur mehr als Almen genutzt. Einige von ihnen, etwa die mehr als 2000 m hoch gelegenen Rofenhöfe bei Vent, werden aber bis heute dauernd bewirtschaftet.

Bedrohungen von oben

Leicht war das Leben der Siedler im Ötztal genauso wenig wie im Pitz- oder im Kaunertal: Hungersnöte und Überbevölkerung zwangen die Menschen immer wieder zum Auswandern. Allein die Geologie sorgte für so manches Hindernis: Die eiszeitlichen Gletscher hatten die Bergflanken vor allem in ihrem unteren Bereich stark abgeschürft – nach ihrem Abschmelzen verlor der Fels sein Widerlager, was zu Bergstürzen führte. Der gewaltigste davon ereignete sich vor ca. 8.000 Jahren zwischen Umhausen und Längenfeld: Oberhalb des heutigen Weilers Köfels brach Felsmaterial in der Größenordnung von 2,2 km³ ab, bedeckte eine Fläche von 12 km² und staute auf der jenseitigen Talseite den Niederthaibach auf. Dieser grub sich ein neues Bett und schuf dabei den Stuibenfall, den höchsten Wasserfall Tirols. Im Längenfelder Becken bildete sich ein Stausee, der nach und nach verlandete, und die Ötztaler Ache fräste sich die 3 km lange Maurachschlucht aus. Die unvorstellbare Reibungshitze beim Abgleiten der Gesteinsmassen führte sogar zur Bildung von vulkanisch anmutendem Bimsstein. Auch im Norden des Tals donnerten riesige Gesteinsmassen zu Tal, etwa vom Tschirgantmassiv auf den Mündungsbereich der Ötztaler Ache oder im Süden von Oetz, wo das abgestürzte Gestein den Fluss über die rauschenden Achstürze zwingt. Allein schon diese unwegsamen Engstellen behinderten die Besiedelung vom Inntal aus ganz erheblich. Wer es schaffte, sich drinnen anzusiedeln, war ständig von Steinschlag, Muren, Lawinen und Überschwemmungen bedrohnt: Wider und wieder waren Tote zu beklagen, und für die fast alltägliche Beseitigung von Verwüstungen gibt es bis heute sogar ein eigenes Zeitwort: „muremachen“.

Die Gletscher dringen vor

Am oberen Ende des Tals drangsalierte das Eis die Menschen. Die bis zu 300 m mächtigen Ferner der Ötztaler Alpen bedecken eine Gesamtfläche von fast 300 km² – und sie sind ständigen klimatischen Veränderungen ausgesetzt. Untersuchungen von Holzstücken aus abschmelzenden Gletschern zeigen, dass das „ewige Eis“ im Lauf der Zeit mehrmals fast verschwunden sein muss. Andererseits stießen die Gletscher nach kälteren Perioden immer wieder weit vor, zuletzt um die Jahre 1600, 1680, 1770 und 1850, als sie ihren letzten Höchststand erreichten. Sperrte eine Gletscherzunge dabei ein Nachbartal ab, so bildete sich oft ein temporärer Stausee. Im Falle des Vernagtferners oberhalb von Vent sind derartige Vorgänge aus allen oben genannten Vorstoßperioden belegt. Auch der Gurgler Ferner und Gletscher im Pitztal hinderten immer wieder Seitenbäche am Abfließen, wobei bis zu 1,5 km lange Eisseen entstanden. Wurde der Wasserdruck zu groß, brach der Gletscherdamm – gewaltige Flutwellen durch das ganze Tal bis zum Inn hinaus waren die Folge. Die Bevölkerung sah in diesen Katastrophen Werke des Teufels und versuchte, sie mit Bittprozessionen und Messen am Gletscherrand zu bannen.

1601 fertigte vermutlich der Hofbauschreiber Abraham Jäger eine erstaunlich präzise Darstellung des Eissees am Vernagtferner an – dies ist die älteste bekannte Gletscherzeichnung der Welt. Nach dem dramatischen Ausbruch des Jahres 1771 folgte die erste wissenschaftliche Abhandlung über die Ötztaler Ferner, verfasst vom Wiener Geistlichen und Mathematiker Josef Walcher. Somit zählt die Ötztaler Eiswelt zu den am frühesten untersuchten Gletschergebieten der Welt. Heute bedient sich die Glaziologie modernster technischer Hilfsmittel. So erstellte z. B. der Schriftsteller Norbert Gstrein, ein gebürtiger Venter, als Diplomarbeit ein Computerprogramm für die Auswertung von Gletschervermessungen.

Auf das Dach Tirols

Im Zuge der Hochgebirgsforschungen entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die ersten genauen Karten der Gletscherregion, die nicht zuletzt auch den Alpinpionieren als unverzichtbare Hilfsmittel dienten. Einer der ersten Bergsteiger in den Ötztaler Alpen war der k. u. k. Offizier Franz von Hauslab, der 1811 den später nach ihm benannten Hauslabkogel über dem Niedertal erstieg. Der Wiener Hofkammerbeamte Josef Kyselak, der seinen Namenszug auf alle möglichen Stellen malte, wanderte 1829 auf dem 500 Jahre alten Saumweg über das Timmelsjoch. Vier Jahre später standen Josef Raffeiner und der Schnalser Pfarrer Kaserer auf dem Similaun, 1861 gelang J. A. Specht mit zwei Begleitern die erste verbürgte Ersteigung der Weißkugel. Den Südgipfel der Wildspitze erreichte wahrscheinlich Leander Klotz „mit einem Venter Bauern“ im Jahre 1848, auf dem etwas höheren Nordgipfel stand der Bergführer vom Rofenhof ganz sicher anno 1861. Die erste „touristische Ersteigung“ dieses Hauptgipfels der Ötztaler Alpen vermeldet die Chronik aus dem Jahre 1870, und zwar durch Moritz von Statzer und Franz Senn, die von Alois Ennemoser und Gabriel Spechtenhauser geführt wurden.

Gleichzeitig begannen Reiseschriftsteller wie Ludwig Steub oder Heinrich Noe die Schönheit der Ötztaler Alpen zu preisen. 1830 stand bereits eine erste, primitive Unterkunft über dem Gurgler Ferner. Sie wurde zum Vorläufer für die Schutzhütten des Alpenvereins: Gepatschhaus (Baujahr 1873), Taschachhaus (1874), Ramolhaus (1881–83), Breslauer Hütte (1882), Rauhekopfhütte (1888), Braunschweiger Hütte (1892) … Damit entstanden die Grundlagen für die heutige Tourismuswirtschaft, die Arbeit und Wohlstand brachte, aber auch das Bild der Täler und bis zu den Gletschern grundlegend veränderte. Schutz vor ausufernden Erschließungen garantiert – hoffentlich – der 510 km² große Naturpark Ötztal, internationale Bedeutung garantiert das 1.500 ha große Biosphärenreservat der UNESCO bei Obergurgl.