Südschweden: Entdecke die Ostsee-Routen in Blekinge

Als vor zehntausend Jahren das Eis der letzten Eiszeit schmolz, entstand diese Inselgruppe in der schwedischen Provinz Blekinge mit ihren mehr als 1.000 Inseln und 90 Kilometern Küstenlinie. Heute ist ein Teil davon UNESCO-Biosphärenreservat. Ein Netz von Routen, abgekürzt ARK56, führt durch diesen erstaunlichen Winkel unseres Planeten.

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“Der Fels, auf dem ich stehe, ist alt. Zwei Milliarden Jahre um genau zu sein.“

Per-Arne Olsson schafft gern solche Perspektiven. Wir sind in Blekinge, wörtlich übersetzt „ruhiges Wasser“, der zweitkleinsten Provinz Schwedens. Wir gehen auf einem Teil des Blekingeleden, eines Fernwanderwegs (240 km), der an den Skåneleden (1.000 km) stößt. Wir passieren eine Herde cremeweißer Kühe, von denen sich einige in der Ostsee abkühlen.

Am Ende des Weges warten die Kajaks auf uns. Die See ist sehr ruhig, wir brauchen heute also keine Spritzdecke. Ich teste kurz die Pedale, stecke mein Handy in die Trockentasche und schiebe mich mit viel Rütteln und Stoßen ins Wasser. Dann spüre ich das Meer unter mir und die Welt beginnt zu schwanken.

© Frits Meyst / WideOyster.com

Wenig später paddle ich ganz allein über ein Meer, das einst gefroren war. Was soll ich tun? Stoße ich in die grenzenlose Weite vor, oder steure ich Tjärö an, die Insel, die für ihre leckeren Mittagsmahlzeiten berühmt ist? Ich kann die rot-weißen Häuser auf der Insel schon sehen. Direkt vor mir liegt eine viel kleinere Insel – eher ein Felsen mit Vögeln, die nur als Silhouetten zu erkennen sind: Kormorane, die ihr Gefieder trocknen.

Naturpark Eriksberg: Von Bisons und Legenden

Eriksberg in Blekinge ist Heimat für über 200 Vogelarten, wie ich später von Per-Arne Olsson (54) erfahre. Er erweist sich als ein Mann der Zahlen:
„Wir haben fast 1.200 Arten von Schmetterlingen hier, 16 Fledermaus- und 117 Mückenarten.“
„Mücken!?!“, unterbreche ich ihn.
„Sie stechen nicht“, versichert mir Olsson. Er zeigt zum Himmel. „Mit ein bisschen Glück sehen wir heute vielleicht noch einen Fischadler.“ Er senkt den Finger wieder. Vor uns liegt ein See, in dem sechs Arten von Seerosen treiben: gelbe, weiße und rosafarbene.

Ein Schritt zurück: Wo sind wir hier genau?
Wir haben gerade den Naturpark Eriksberg betreten, einen 925 Hektar großen Wildpark, den Olsson seit 18 Jahren leitet. Er kennt alle Tiere mit Namen, vermutlich auch mit Spitznamen. Direkt vor uns überquert ein Wisent die Straße. Zum Glück sitze ich im sicheren Auto. Das riesige Tier wiegt 500 Kilo. Aber keine Panik. Olson kennt die Kuh: „Eine alte Dame.“

© Frits Meyst / WideOyster.com

Unser amerikanischer Kameramann ist total baff: „Büffel! Soll das ein Witz sein?“ Da ist er bis in die Alte Welt geflogen und dann gibt es hier Bisons, seine Lieblingstiere aus Kindertagen. Bescheiden fragt er: „Stimmt es, dass sie hier viel kleiner sind als zu Hause?“ Olsson nickt: „Der europäische Bison, auch Flachland-Wisent genannt, ist ein kleinerer Verwandter der Bewohner des Great Bison Belt in Amerika.“ Hier gibt es 55 europäische Bisons. In ganz Europa verteilt leben 5.000 in freier Wildbahn. Wenn man dazu noch diejenigen zählt, die in privaten Parks leben, also auch die in Eriksberg, kommt man auf ca. 7.000 Tiere. Das hört sich viel an, aber im Vergleich gibt es mehr Spitzmaulnashörner auf der Welt als Europäische Bisons.

„Und wie ist es mit den Elchen?“, will ich wissen. „Bekommen wir die auch zu sehen?“
„Es gibt hier nur Tiere, die schon immer in dieser Gegend gelebt haben: Rotwild, Damwild, Wildschwein, Mufflon“, sagt Olsson. Und europäische Bisons, wie es scheint. Die schwedischen Big Five, könnte man sagen, obwohl der Elch fehlt. Offenbar ist die Vegetation hier ungeeignet für diese Ikone Schwedens.

Die Legende: Bengt Berg

Bengt Berg war einer der Gründer des Parks und eine Ikone, denn Bengt Magnus Kristoffer Berg (1885–1967) war nicht nur Vogelkundler, sondern machte ab 1910 auch Karriere als einer der ersten Naturfotografen der Welt. Er war talentiert und mutig, fotografierte zum Beispiel Bartgeier im Himalaja vom Heißluftballon aus. Seine Arbeit wurde hoch geschätzt, wie die folgende Geschichte belegt:

Blicken wir zurück ins Jahr 1925. In Berlin haben Charlie Chaplins Goldrausch und der legendäre Film Panzerkreuzer Potemkin Premiere, und derweil stehen die Leute Schlange für einen ganz anderen Film. Schon seit vier Monaten strömen die Leute ins Victoria-Kino, eins der größten Lichtspielhäuser jener Zeit, mit Platz für 2.600 Zuschauer. Der Saal ist zweimal am Tag komplett ausverkauft. Sprecher ist der schwedische Naturfilmer Bengt Berg. Und während das Publikum Tiere beobachtet, die es nie zuvor gesehen hat – etwa Schuhschnäbel im südlichen Sudan – erzählt eine sanfte Stimme Geschichten dazu. Ein Mann, der schon überall gewesen ist: Afrika, Indien, Bhutan. Ein Weltreisender, Naturfilmpionier und vor allem Tierfreund. Der Mann, der 1938 das Naturreservat Eriksberg gründen sollte. Es ist sein Verdienst, dass es heute in Schweden noch Seeadler gibt, ebenso wie Graugänse, Steinadler und Höckerschwäne. Eine wahre Naturschutz-Legende.

Über uns kreist der Seeadler

Der Mann, der sich unserer Safari spontan anschließt, erinnert mich in mancher Hinsicht an Bengt Berg. „Freut mich, euch kennenzulernen. Mein Name ist Yngve Bergqvist.“ Einen Augenblick später fällt der Groschen: Er ist der Gründer des Icehotel Schweden. Der Geschäftsmann und Visionär, dem Anlass entsprechend gekleidet, gehört zum Vorstand des Naturparks Eriksberg. In der Hand hält er ein Glas Rotwein. Auf dem Kopf trägt er eine zigarrenbraune Mütze im Vintage-Style. Gemeinsam schauen wir stumm auf den See hinaus.

Großartig ist, dass man hier zelten kann. Genau an diesem Ort. Hoch oben auf einem Berg. Mit Aussicht auf tausendundeine Seerose in Pastellfarben. Über uns kreist ein Seeadler, und habe ich da nicht aus dem linken Augenwinkel ein Wildschwein gesehen? Dann noch ein kleineres. Und da, ein drittes. Die Frischlinge trippeln mit ängstlichen Schritten hinter ihrer Mutter her in den Wald.

Wir stehen auf der Terrasse eines Glamping-Zelts, das man für 560 Euro pro Nacht buchen kann. Das von einem Architekten entworfene Glamping-Zelt sieht aus wie ein Filmset, einschließlich des Retro-Feldstechers. Wir übernachten hier nicht, aber wir essen im Park zu Abend. Die Outdoor-Köche Malin Nilsson und Björn Palm, beide in rotkarierten Hemden, bereiten unsere Mahlzeiten zu; es gibt Damhirschfilet. Wir essen, was das Land uns schenkt. So macht man das hier. Man geht nicht zum Metzger und holt hundert Gramm Rinderhack. Wenn man in Eriksberg ist, isst man frisch erlegten Hirsch.

Mehr Infos:  » www.eriksberg.se

  • ↓ Das junge Meer: Die Ostsee

    Mit einer Fläche von 2.941 km2 (0,7 % der Gesamtfläche des Landes) ist Blekinge die zweitkleinste Provinz in Schweden. Sie hat 90 km Küste und mehr als tausend große und kleine Inseln. Sie grenzt an die Ostsee: ein morphologisch gesehen noch junges Meer, das es „erst“ seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. gibt. Die Ostsee entstand, als am Ende der letzten Eiszeit die skandinavische Eisdecke schmolz, und war anfangs ein Süßwassersee. Dann wurde es noch einmal mächtig kalt, bis weltweit der Meerwasserspiegel anstieg und alles überflutete. Die Ostsee ist allerdings immer noch weniger salzig als zum Beispiel die Nordsee. Der geringe Salzgehalt ergibt sich durch den Zustrom von Wasser aus den Flüssen. Es gibt außerdem kaum Tidenhub.

ARK56: Erkunde den Schärengarten von Blekinge

© Frits Meyst / WideOyster.com

Hinter dem ARK56 verbirgt sich ein Netz von Wegen durch den Schärengarten von Blekinge. Seit 2011 ist die Blekinge-Inselgruppe ein UNESCO-Biosphärenreservat. Das Meer der Möglichkeiten, das der Archipel bietet, kannst Du auf dem Fahrrad, zu Fuß, im Kajak oder mit dem Boot begehen bzw. befahren. Dank der  Schaffung und Markierung neuer und der Erneuerung und Digitalisierung bereits vorhandener Wanderwege sind alle Wege heute wunderbar zugänglich.

Alle Wege  – Wander-, Bike- und Kajak-Strecken – sind durch 13 Knotenpunkte verbunden. Hier findest Du unter anderem Grillstellen, Anlegeplätze, wunderbare Essgelegenheiten, Hotels und andere Übernachtungsmöglichkeiten.

Auf alle Wege kannst Du mit der ARK56-App zugreifen. Die App ist benutzerfreundlich und in englischer Übersetzung verfügbar.

» Mehr über den ARK56

» Mehr über Blekinge

 

 Text: Nicolline van der Spek | Fotos: Frits Meyst / WideOyster.com