Mehr als 99 % der Fläche des Nationalparks Gesäuse stehen im Eigentum der Steiermärkischen Landesforste, der Rest sind öffentliche Gewässer und private Almen. Anteil am international anerkannten Nationalpark Gesäuse haben die Gemeinden Johnsbach, Weng im Gesäuse, Admont, Landl, Hieflau und St. Gallen, in der das Schutzgebiet an den Naturpark Eisenwurzen grenzt.

Im Nordwesten des Nationalparks Gesäuse, am Rande der oberösterreichischen Pyhrn-Priel-Region, schließen sich weitere schroffe Kalkfelsen und ausgedehnte Waldgebiete an. Der 20 Kilometer lange Kamm des Sengsengebirges und die berühmten Schluchten des Reichraminger Hintergebirges wurden ebenfalls zum Nationalpark erklärt. Dieser umfasst eine Fläche von 20.825 ha und trägt den Namen Nationalpark Kalkalpen.

Was sind Nationalparks?

Das hat die IUCN (International Union for Conservation of Nature) klar definiert, und zwar als „große Gebiete, in denen ein oder mehrere Ökosysteme durch menschliche Nutzung oder Inanspruchnahme in der Substanz nicht verändert werden, in denen Pflanzen- und Tierarten, geomorphologische und biologische Besonderheiten von speziellem Interesse für Wissenschaft, Bildung und Erholung oder Naturlandschaften von großartiger Schönheit vorhanden sind“.

Natur auf Stein

All dies trifft auf den Nationalpark Gesäuse zu. Sein wesentliches Charakteristikum, mit dem er sich auch deutlich von allen anderen Nationalparks in Österreich abhebt, sind jedoch seine über 2.300 m hohen Kalkgipfel: Ein Großteil der Nationalparkfläche liegt im Bereich von Fels und Stein. Dieser dominiert das Landschaftsbild mit herausragenden Gebirgsstöcken, die durch den tiefen Einschnitt der Enns getrennt werden.

In zahlreichen Rinnen und Gräben gelangt der verwitterte Fels bis in die tiefen Lagen hinab und bildet einen besonderen Lebensraum, in dem sich „angeschwemmte“ hochalpine Pflanzenarten mit den wärmeliebenderen Arten aus dem Talboden der Enns vermischen. Auch die eine oder andere Gämse steigt über diese Rinnen oft bis tief ins Tal hinab.

Die Erstbesiedler auf Fels und Stein sind Flechten. Sie bilden oft krustenartige, bunte Teppiche auf dem Gestein. Erst nach langer Zeit bildet sich eine dünne Erdschicht über dem kargen Untergrund – diese dünne, lebende Haut ist besonders sensibel. Bitte beachten Sie, wenn Sie über die alpinen Matten des Hochgebirges wandern, dass diese im Lauf von tausenden Jahren entstanden sind, bei Unachtsamkeit jedoch oft in kürzester Zeit zerstört werden können.

Artenvielfalt im Gebirge

Die Pflanzenwelt des Gesäuses zeichnet sich durch ihre besondere Artenfülle aus, was insbesondere auf die alpine Vegetation zurückzuführen ist. Die Alpen sind ein Zent rum der biologischen Vielfalt in Europa; es gibt dort „hot spots“ der Biodiversität, also sehr artenreiche Gebiete. Zu diesen zählen unter anderem die Meeralpen im westlichen Alpenbogen, aber auch die Nord östlichen Kalkalpen, in denen der Nationalpark Gesäuse liegt. Einige Arten gedeihen nur hier, man bezeichnet sie als „endemisch“. Aufgrund ihres eingeschränkten Verbreitungsgebietes sind sie besonders gefährdet. Zwei Pflanzen, die gerne in steinigen Hängen wachsen, sind die Zierliche Federnelke (Dianthus plumarius subsp. blandus) und die Clusius-Primel (Primula clusiana).

Die Gämse

Sie ist das Charaktertier des Hochgebirges im Nationalpark. Als ausgezeichnete Kletterer und widerstandsfähige „Hungerkünstler“ haben Gämsen ihren bevorzugten Lebensraum in der oberen Waldzone und der Felsregion. Wo sie ständig beunruhigt werden (im Sommer durch Querfeldein-Wanderer, im Winter durch Tourengeher) neigen sie dazu, in tiefer gelegene Waldgebiete auszuweichen. Durch übermäßigen Verbiss kann dort erheblicher Schaden am Waldbestand entstehen. Gamswild ist Rudelwild, das dem leisen und vorsichtigen Betrachter im November eine zwar relativ stille, aber beeindruckende Brunft bietet: Die Böcke liefern sich wilde Verfolgungsjagden über scheinbar unbegehbare steile Hänge. Im Nationalpark sollen die Gamsbestände in ihren Ruhezonen ein möglichst ungestörtes Leben führen können. Daher bittet der Nationalpark alle seine Besucher, sich an die markierten Wege zu halten und auch im Winter nur die ausgewiesenen Skitouren zu begehen.

Auch im Nationalpark Kalkalpen regiert der Wald. Man findet dort 30 verschiedene Waldgesellschaften – vom Auwald über Fichten- Tannen- Buchen-Mischwälder bis zur Krummholzregion. In ihrem Schutz gedeihen 1.000 Arten von Blütenpflanzen, Moosen und Farnen, darunter Kostbarkeiten wie Pyramidenorchis, Frauenschuh, Knabenkraut, Steinröserl und Kugelblume, in der Felsregion auch „Peterg’stamm“ (Aurikel), Enzian und Alpenrosen.

Diese Lebensräume geben 50 Säugetierarten, 80 Brutvogelarten und nicht weniger als 1.600 Schmetterlingsarten eine Heimat. Schwarzstörche und Steinadler gleiten durch die Lüfte, der Auerhahn balzt im Frühjahr, Reh und Rothirsch sind hier zu Hause. Sogar Luchse und Braunbären streifen durch die wiederkehrende Wildnis.

Zu den Quellen Im Nationalpark Kalkalpen sprudeln mehr als 800 Quellen. Die zahlreichen, oft noch sehr naturnahen Bäche und Flüsse der Region bringen eine bunte Vielfalt an Insekten, Lurchen, Fischen und Vögeln mit sich. Große und kleine Naturwunder stehen mit dem nassen Element in Verbindung: die kilometerlange Konglomeratschlucht der Steyr, die sich zwischen Frauenstein und Grünburg noch weit gehend naturbelassen zeigt, oder periodisch aktive Karstquellen wie die „Teufelskirche“, die in der Nähe von St. Pankraz unter einer frei stehenden Felsbrücke entspringt.