Wasser gibt’s genug, und auch an schroffen Kalkfelsen herrscht kein Mangel: Die Landschaft zwischen dem 20 km langen Kamm des Sengsengebirges, dem riesigen Kalkmassiv des Toten Gebirges und der viel- gezackten Kette der Haller Mauern zählt zu den Glanzstücken der Alpen. Ihre Entstehung reicht 230 Millionen Jahre zurück: Damals sanken die Überreste von Lebewesen – Plankton und Muscheln, Ammoniten und Korallen – auf den Boden eines tropischen Urmeeres. Die wachsenden Schichten dieser Sedimente, zwischen die sich auch abgetragenes Material vom Festland ablagerte, verfestigten sich allmählich zu Kalkgestein. Mit dem Beginn der Alpenauffaltung vor 160 Millionen Jahren wurden die hunderte Meter dicken Felsschollen über den Wasserspiegel emporgehoben, wie Papier aufgefaltet und zu hohen Wällen aufgetürmt. Gleichzeitig begannen Wind und Wetter an ihnen zu nagen: Wasser dringt in die Ritzen des Gesteins ein, dehnt sich beim Gefrieren aus und sprengt auf diese Weise ganze Felswände, so dass nur mehr unwegsame Schutthalden übrig bleiben. Nach heftigen Gewittern oder während der Schneeschmelze werden selbst kümmerliche Rinnsale zu brüllenden Wildbächen, die alles, was nicht niet- und nagelfest ist, mit sich schwemmen – Ergebnisse dieser Naturgewalten sind u. a. auch die Schluchten, Klammen und Wasserfälle der Region. Oben auf den Hochflächen, die aus riesigen, flach liegenden Kalkplatten entstanden sind, spielt das kühle Nass wieder ein anderes Spiel: Kohlensäurehältiges Regenwasser vermag den Kalk chemisch aufzulösen, wodurch messerscharf zugespitze Karren, aber auch tausende Spalten und Schächte, Dolinen und Höhlen entstehen: Das 300 km² große Karstplateau des Toten Gebirges bildet die größte Wüste Mitteleuropas – eine staubtrockene Mondlandschaft mit gleichförmig kahlen Kuppen und unzähligen Vertiefungen. Zu Tage tritt das Wasser erst viel weiter unten, an der Basis undurchlässiger Gesteine – dafür sprudeln dort mitunter kleine Flüsse wie die Steyr oder die Pießling aus dem Untergrund.

Als weitere „Landschaftsgestalter“ betätigten sich die eiszeitlichen Gletscher, die erstmals vor etwa 1,8 Millionen Jahren anwuchsen und in mindestens sieben oder acht Kältephasen von den höchsten Regionen bis in die Täler der Voralpen hinausflossen. Sie hinter ließen formschön zugefeilte Gipfel wie etwa die Spitzmauer bei Hinterstoder, aber auch tief aus geschliffene Kare, einige Seebecken und Massen von Geschiebematerial. Dieses blieb nicht nur in Form von Moränenwällen liegen, sondern füllte auch weite Teile des Enns- und des Steyrtals auf. Nach dem Ende der letzten Eiszeit – vor etwa 10.000 Jahren – verfestigten sich die Schotter zu Konglomerat, in den sich die Flüsse neuerlich einsägten.

Nach dem Eisblau kam das Waldgrün – erst zögerlich mit einzelnen Pionierpflanzen, dann aber in einer unglaublichen Bandbreite vom Auwald über die heute weit verbreiteten Fichten-Tannen-Buchen-Mischwälder bis zu den hoch gelegenen Zirbenbeständen im Toten Gebirge. Heute existieren allein im Nationalpark Kalkalpen 30 verschiedene Waldgesellschaften. In ihrem Umfeld gedeihen tausend Arten von Blütenpflanzen, Moosen und Farnen, darunter so manche Kostbarkeit, die anderswo schon selten geworden ist: Pyramidenorchis und Frauenschuh, Silberwurz und Knabenkraut, Steinröserl und Kugelblume, in der Felsregion auch Petergstamm (Aurikel), Enzian und Alpenrosen. Diese vielgestaltigen Lebensräume bilden die Heimat für 50 Säugetierarten, 80 Brut vogel arten und nicht weniger als 1.600 verschiedene Schmetterlingsarten. Schwarzstörche und Steinadler (das „Wappentier“ des Nationalparks) gleiten, vom Aufwind getragen, durch die Lüfte, der Auerhahn balzt im Frühjahr, Reh und Rothirsch sind hier Zuhause. Und sogar Meister Petz – der Braunbär – streift auf seinen weitläufigen Wanderungen zeitweilig durch die Region um den Nationalpark.

Wasser, die Quelle des Lebens

Die reichen Niederschläge im Nordstau der Alpen speisen allein im Nationalpark über 800 Quellen. Die zahlreichen, über weite Strecken noch sehr naturnahen Bäche und Flüsse der Region bringen eine bunte Vielfalt an Insekten, Lurchen, Fischen und Vögeln mit sich. Große und kleine Naturwunder stehen mit dem nassen Element in Verbindung: die kilometerlange Konglomeratschlucht der Steyr, die sich zwischen Frauenstein und Grünburg noch weit gehend naturbelassen zeigt; periodische Karstquellen wie die „Teufelskirche“, die in der Nähe von St. Pankraz unter einer frei stehenden Felsbrücke entspringt; oder die Rosenegger Au, die mit ihren Wasserläufen und Weichholzbeständen bis in die historische Altstadt von Steyr hineinreicht.

Eines der schönsten „Wasser-Wunder“ bildet jedoch die Schluchtenwelt im Reichraminger Hintergebirge. Ihr Herzstück ist die „Große Schlucht“, ein epigenetischer Durchbruch: Hier hat sich ein gemütlich dahinmäandrierender Bach zunächst in weichere Bodenschichten eingegraben; als er härteres Gestein erreichte, musste er die einmal gewählte Bahn beibehalten. So hat er seine bis zu 200 m tiefen „Schluchtbögen“ ins Dolomitgestein gefräst – ein Hindernis, das die Holzknechte von einst auf schwindelnd hohen Holzstegen umgingen. Seit dem Mittelalter waren die Bäche der Region ein wichtiges Transportmittel für das geschlägerte Holz, vielfach aufgestaut durch hölzerne oder steinerne Dämme, die so genannten „Klausen“. Diese verfielen seit den 1920er Jahren, doch dafür entstanden im Hintergebirge lange Transportseilbahnen und eine schmalspurige Waldbahn. Viele andere Bäche und Flüsse trieben jahrhundertelang unzählige Wasserräder für Hammerwerke, Mühlen und Schleifsteine an. Eisen, das vom Steirischen Erzberg kam, wurde hier zu vielerlei Werkzeug und Waffen, Geschirr und Musikinstrumenten wie Maultrommeln geschmiedet. An den stattlichen Hammerherrenhäusern, den Eisen- und Getreidespeichern und den reich verzierten Fassaden in der „Eisenwurzen“ – dem Land zwischen Leoben, Waidhofen an der Ybbs und dem Almtal – lässt sich der einstige Wohl- stand der Eisenverleger und Hammerherren noch heute ablesen. Die üppigen Kulturschätze – manchmal im letzten Augenblick gerettet, überraschend oft auch aktive Betriebe – zeigen sich nicht zuletzt seit der Landesausstellung „Land der Hämmer – Heimat Eisenwurzen“ (1998), die in 28 Orten gleichzeitig stattfand, in ihrer vollen Pracht und Schönheit.

Schützen & nützen

Die vielfältige Landschaft des Nationalparks Kalkalpen, die vom Gipfel des Hohen Nock (1.963 m) über die zauberhaften Almen unter den Waldbergen bis zu den beliebten Naturbadeplätzen am Reichramingbach reicht, lädt zum Wandern, Radfahren und zur Erholung ein. Dabei ist es gar nicht selbstverständlich, dass man hier in die Stille der weiten Wälder eintauchen kann – immerhin waren im Hintergebirge schon Schießplätze für Kanonen und gewaltige Speicherkraftwerke geplant. Engagierte Bürgerinnen und Bürger verhinderten dies und setzten im Gegenzug erste behutsame Erschließungsmaßnahmen. Der Naturraum und das Kulturerbe wurden zu Grundlagen für eine nachhaltige Regionalentwicklung, die hier früher und intensiver einsetzte als in vielen anderen Gebieten. Damit bildet der Nationalpark einen wichtigen Kristallisationspunkt für eine lebenswerte Musterregion.