Weite weiße Gletscherflächen gefüllt mit wuselnden Skialpin-Begeisterten können nichtsdestotrotz meist hintenherum per Ski bestiegen werden: Die Silvretta ist mit ihren meist leichten Genussabfahrten in alpiner Umgebung die klassische Skihochtourenregion, wo man ab den erstiegenen Gipfeln bis zur Hütte unbeschwert hinabschwingen kann.

Die Hüttenzustiege auf der österreichischen Nordseite der Silvretta ziehen sich notorisch in die Länge und sind nach Neuschneefällen und im Frühjahr lawinengefährdet. Die Hütten selbst sind im Spätwinter (also von März bis Mai) regelmäßig belegt, weshalb man zumindest an Wochenenden und zu Urlaubszeiten unbedingt vorbestellen sollte. Die Skirouten in der Region besitzen eher alpines Flair – aber irgendein Schärtlein, das der Drohgebärde des Bergs ein Schnippchen schlägt, findet sich (fast) immer, so dass es meist in gemächlicher Neigung zum abschließenden Gipfelsteilhang geht. Die beiden höchsten Berge des zentralalpinen Gebirges, die flache Felspyramide des Piz Linard (3.411.m) in der Schweiz und das steile, dreigipflige Trapez des Fluchthorns (3.399 m, II; von Jamtal- und Heidelberger Hütte) mit seiner Steilrinne für Abfahrtskönner, stellen eher ein alpines Unterfangen als eine Skitour dar.

Mäßige Lawinengefahr

Abgesehen von den Zustiegen und eventuellen Gipfelsteilhängen herrscht an den meisten Silvretta-Skibergen eine nur mäßige Lawinengefahr. Trotz der spaltenlos erscheinenden Gletscher sollte man bei einigen Aufstiegen wie dem zur Augstenspitze aber vorsichtshalber Gletscherausrüstung mitnehmen und den Hüttenwirt fragen. Die Tourenlängen der auch für Skihochtouren-Anfänger geeigneten Silvretta sind mit maximal fünf Kilometern, rund drei Stunden Gehzeit sowie zwischen 600 und höchstens 1.100 Höhenmetern erträglich. Allerdings verlangen die interessanteren Unternehmungen im Gipfelbereich häufig einfache Kletterfähigkeiten (I-II), Schwindelfreiheit oder sicheren Stand auf den Skiern. Die wenigen Steiltouren wie die anspruchsvollen Routen auf Schnapfenspitze und Haagspitze erfordern daneben auch einiges Aufstiegs- und Abfahrts-Können.

Genußtour mit Alpineinschlag: Augstenspitze

Eine Spezialität der Silvretta sind Skitouren „von hinten durch die Brust ins Auge“. Bestes Beispiel ist der von vorne fast unnahbare Augstenberg, dem man in weitem Bogen aufs Dach steigt. Trotz seiner indirekten Routenführung und einer kurzen Zwischenabfahrt bietet die Nördliche Augstenspitze (3.228 m) eine Genußtour mit leicht unterschätztem Alpineinschlag.

Von der kompakten steinernen Hütte steigt man in der Morgensonne frontal auf die dunklen Augstenköpfe zu. Die Sonne lässt den Pulver glitzern, die Spurarbeit den Kreislauf in Schwung bringen, die Kälte die Nasen laufen… Bucklige Konturen der gletschergeformten Landschaft zeichnen sich zart vor dem Hintergrund der Vorderen Jamspitze und der Dreiländerspitze ab, wenn man über eine Art Rampe Richtung Chalausferner gleitet. Die Chalausscharte schneidet ein Dreieck aus dem Himmel, in dem plötzlich das Ortlermassiv herüberlugt. Auf der hier beginnenden, sonnigen Schweizer Seite der Tour sind Harscheisen durchaus empfehlenswert. In elegantem Bogen quert man hinüber zu dem heimlich, still und leise umgangenen Berg, spurt schnaufend und dampfend hinauf zum anfangs kaum sichtbaren Augstensattel und wühlt sich die letzten Meter zu Fuß zum Hauptgipfel durch.

Im Nordosten prallt der Blick von der breiten, mit Schneerinnen durchsetzten Felsflanke des mächtigen Fluchthorns ab, der „Normalweg“. Im Osten beherrscht die Pyramide des Muttler, das zollfreie Samnaun und dahinter bohrt sich die Ötztaler Weißkugel in die Atmosphäre. In weichem Rhythmus schwebt man durch den Tiefschnee, zeichnet mit kaum angedeutetem Knieeinsatz elegante Schlängellinien in das weiße Schneetuch des Augstenbergs. Wie in einem Brennglas werden die Strahlen der Mittagssonne vom Kessel des Vadret de Chalaus gebündelt, wenn man schwitzend im T-Shirt um den Firnspitz an der Scharte „treppelt“. Die Frage einer Direktabfahrt vom Chalaus-Ferner ins Jamtal entscheidet man wegen des abschließenden Moränen-Steilhangs meistens zugunsten einer zügigen Querungsfahrt entlang der Aufstiegsspur hinab zur Sonnenterrasse der Jamtalhütte.

Der sanfte Teil der Silvretta

Wer Silvretta hört, der sieht lange Hüttenzustiege und weite Gletscherflächen. Diesem Klischee entspricht im Tourengebiet der Heidelberger Hütte nur der lange Zustiegshatscher durch das Fimbatal, dem man aber mit dem Pistenbully des Hüttenwirts ein Schnippchen schlagen kann. Ansonsten sind die um das flache Tal gruppierten Berge mit ihren meist mäßig geneigten Hängen ohne Gletscher und größere Lawinengefahr ideal für ein verlängertes Tourenwochenende geeignet – wenn auch bei Nebel Orientierungsfähigkeit gefragt ist.

Vom alles überragenden Gipfel des Fluchthorns (3.399 m) aus wirkt das Fimbatal oberhalb der Heidelberger Hütte wie ein weiter, rundum in sanften Wellen ansteigender Teller. Von dem dreistöckigen Steinhaus aus dagegen ragen die hell-dunkel gescheckten Pfeiler des zweithöchsten Bergmassivs der Silvretta wie eine drohende Nemesis in den verglühenden Abendhimmel, während gegenüber die kurzen, aber rassigen Skihänge der Hausberge vom Piz da Val Gronda bis zum Piz Davo Lais mit zartrosa Schmelz überzogen sind: In diesem überwiegend westseitigen Revier kann man für die meisten Routen ausschlafen.

Die alpin angehauchte Spritztour zum rätoromanischem Zungenbrecher des Ils Calcuogns lohnt sich am ehesten, wenn man dessen Steilflanke bis zur Hütte abwedeln kann. Oder wenn man den Berg als Trainingseinheit für den Piz Tasna ansieht, mit 3.179 Metern und sagenhafter Aussicht dem höchsten und schönsten, wenn auch langwierigsten Gipfel im Revier. Kondition allein reicht dort allerdings nicht: Der Gipfelgrat ist steil, ausgesetzt und je nach Verhältnissen kombiniert, blockig oder vereist.

Veröffentlicht am 12. Januar 2018