Schwierig ist es, im Montafon nicht mit Wasser in Berührung zu kommen: Überall im Gebirge liegen größere und kleinere Gebirgsseen, auf natürliche Weise als Erbschaft der Eiszeit entstanden oder dank menschlicher Ingenieurskunst hinter künstlichen Mauern aufgestaut, überall plätschern klare Bäche, überall donnern Wasserfälle. Alles Wasser strömt in die Ill, „die Eilige“ (vermutlich vom keltischen Wortstamm „il“ = eilen), die bei Feldkirch in den Rhein mündet.

Gletschergipfel und Quelltobel

Auch ihr rund 40 km langes Tal trägt einen nassen Namen: „Montafon“ (früher hieß es auch „Montavon“) leitet sich von den rätoromanischen Wörtern „mont“ (Berg) und „tavon“ (Tobel) ab. Letzteres bezeichnet eine schluchtartige Mulde, aus der die Quellen sprudeln, deren Grundlagen ganz oben, auf dem bis zu 3.312 m hohen Gipfeldach der Region, in Form ausgedehnter Gletscher liegen. Durch die Tobel donnern auch immer wieder Muren und Lawinen, die unten im Tal so genannte Schwemmfächer hinterlassen – dies waren, trotz aller Gefahren, die günstigsten Siedlungsplätze der kelto-illyrischen Hirten und Viehzüchter, die wohl als Erste ins Montafon kamen.

Montafon sagt von ihren Nachfahren jedoch kaum jemand. Die Einheimischen unterscheiden vielmehr zwischen „Inner-“ und „Außerfratte“, also dem oberen und dem unteren Talbereich. Dazwischen liegt die als Fratte bezeichnete Engstelle beim Weiler Mauren zwischen Schruns und St. Gallenkirch. Ein Blick ins deutsche Rechtswörterbuch zeigt, dass es sich bei diesem Begriff um eine abgeholzte Waldfläche handelt. Er geht auf das Rätoromanische zurück, jene Sprache, die aus der Vermischung des Illyrischen mit dem Lateinischen entstand und bis ins 17. Jahrhundert hinein im Montafon gebraucht wurde, im benachbarten Schweizer Kanton Graubünden gilt sie heute noch als offizi- elle Landessprache. So sind also Berg-, Orts- und Flurnamen wie Madrisa, Madrisella, Tafamunt, Gampaping, Valzifenz, Vergalda, Sarotla, Lifinar, Valisera, Vermunt, Vallüla oder Piz Buin nicht verwunderlich. Oder auch der Begriff „Silvretta„, den man vom Wort saluber (= gesund, vorteilhaft) herleitet – man meinte also wohl eher das gute Almland und weniger die schroffen Gipfel darüber. Ob sich der Begriff „Verwall“ aus „Val bella“ (schönes Tal) entwickelt hat, ist umstritten; diese Gebirgsgruppe umschreiben bis heute mehrere abweichende Schreibweisen.

Und der Name Rätikon ist überhaupt ein Kunstprodukt: Der römische Geograph Pomponius Mela nannte um 40-50 v. Chr. die höchsten Mittelgebirgserhebungen Germaniens „Retico mons“. 1518 transferierte der Schweizer Humanist Vadianus (eigentlich Joachim von Watt) den Begriff in den Prättigau, wo er sich in der Literatur etablierte – zunächst für die gesamten Rätischen Alpen, die auch die Silvretta um fassten, ab dem 19. Jahrhundert ausschließlich für den Kamm zwischen Gargellen und Liechtenstein.

Im Mai auf die Berge

Nach den Rätoromanen kamen die Alemannen und die geheimnisumwitterten Walser ins Tal. So zeigt sich sein ortsüblicher Haustyp heute noch als Mischung aus dem rätoromanischen Steinhaus und dem Walser Holz- haus. Die Einwohner lebten seit jeher von der Viehzucht, für die sie zum Teil hoch gelegene Alpflächen rodeten. In der Gemeinde St. Gallenkirch sind beispielsweise noch heute 84 von insgesamt 94 Bauernhöfen von der Alpwirtschaft abhängig. So findet ihr auch der Karte von Montafon in Höhenlagen zwischen 1.200 und 1.600 m Seehöhe häufig die Bezeichnung „Maisäß“: Dabei handelt es sich um eine periodisch im Staffelbetrieb – also je nach dem Auf- und Absteigen der Vegetationsperiode im Gebirge – genutzte Siedlung zwischen dem Bauernhof im Tal und der hoch gelegenen Alphütte. Gegen Ende Mai, wenn die Felder im Tal bestellt sind, zog der Großteil der Familie samt dem Vieh zur Maisäß hinauf. Dort verbrachte man dann einige Wochen, bevor man ab Mitte Juni auf die höher gelegenen Alpen weiterwanderte. Ende September kamen Mensch und Tier wieder für einige Zeit auf die Maisäß, ehe man mit dem ersten Schneefall endgültig ins Tal zurückkehrte. Diese traditionelle, aber arbeitsintensive Wirtschaftsweise, die den ökologischen Verhältnissen des Gebirges gut entspricht, befindet sich heute in einem starken Veränderungsprozess.

Von der Saisonarbeit bis zum Spitzenstrom

Bis zum 18. Jahrhundert bestanden am Bartholomä- und am Kristberg, im Silbertal, in Gortipohl bei St. Gallenkirch und Partenen auch Bergwerke. Doch das Montafon nährte seine Menschen nur schlecht. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts musste sich ein Drittel der Bevölkerung in der Saisonarbeit verdingen: Maurer, Stuckateure, Sensenhändler, Krautschneider und Wanderhändler aus dem Illtal waren in halb Europa unterwegs. Sogar viele Sieben- bis Vierzehnjährige verließen jedes Jahr ihre Heimat, um im reichen Schwabenland als Hüterbuben oder Kindermädchen ein paar Kreuzer zu verdienen. Der wirtschaftliche Aufschwung begann erst im 20. Jahrhundert. 1905 dampften die ersten Züge der privaten Montafonbahn von Bludenz, das längst vom Anschluss an die Arlbergbahn und den Schienenweg zum Bodensee profitiert hatte, nach Schruns. Die 1924 gegründete Illwerke AG, heute großteils im Besitz des Landes Vorarlberg, errichtete Großkraftwerke, Straßen und Bergbahnen, die auch die Entwicklung des Sommer- und Wintertourismus in Gang setzten.

Mittlerweile zählt das Montafon zu den führenden Tourismusregionen der Alpen. Die Werksgruppe Obere Ill-Lünersee liefert Spitzenenergie, das Walgauwerk Mittellastenergie. Das Kraftwerk Kopf, das Lünerseewerk und die Rodundwerke können durch Pumpen Energie aus Schwachlastzeiten in Spitzenenergie umwandeln. Die gesamte Turbinenleistung der Vorarlberger lllwerke AG liegt bei 1.248 Megawatt, das jährliche Regelarbeitsvermögen bei 2,27 Milliarden Kilowattstunden. Man sieht: Das Wasser hat eine vielfältige Bedeutung.

Veröffentlicht am 27. Juli 2016