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Watzmann-Überschreitung: Abbau der Sicherungen

Weniger Sicherungen für mehr Sicherheit: Am Watzmann werden dieses Jahr die Sicherungen saniert – und 150 Meter Stahlseil entfernt.

Er ist mit 2713 Metern Höhe zwar fast 150 Meter niedriger als die Zugspitze – aber weitaus furchteinflößender: Der Watzmann in den Berchtesgadener Alpen. Seit im Jahr 1800 der Pfarrer Valentin Stanig als erster Mensch auf dem Watzmann-Hauptgipfel stand, gilt er als Traumziel für unzählige Bergsteiger. Aber nicht alle sind seinen Herausforderungen gewachsen.

Traumziel für Bergsteiger: Der Watzmann

Sein markantes Gipfelesemble hat es in sich: Alleine die Ostwand, mit 1900 Metern die höchste Felswand der Ostalpen, forderte bereits 100 Todesopfer, und ist besonders wegen ihrer unberechenbaren Wetterumschwünge gefürchtet.

Aber auch die Watzmann-Überschreitung über Hocheck, Mittelspitze und Südspitze ins Wimbachgries lockt jedes Jahr tausende Bergsteiger: Laut einer Zählung des Nationalparks Berchtesgaden überschritten zwischen dem 18. Juli 2015 und dem 27 September 2016 knapp 10.000 Menschen den Watzmann.

Nicht alle von denen, die in luftiger Höhe hoch oben herumturnen, sind dort richtig aufgehoben: Entgegen mancher Annahmen ist die Watzmann-Überschreitung KEIN Klettersteig mit durchgehender Sicherung. Das Klettersteigset kann nur an einigen Stellen der Überschreitung eingehakt werden. Besonders zwischen der Mittel- und der Südspitze gibt es jedoch zahlreiche schwierige und ausgesetzte Passagen ganz ohne Sicherungsseil. Von den insgesamt vier Kilometern zwischen den Gipfeln sind gerade einmal 700 Meter seilversichert.

Der luftige Grat erfordert also absolute Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und eine hervorragende Kondition: 15-17 Stunden Gehzeit darf man für die Tour schon einplanen. Es sind vor allem diese Länge und die Ausgesetztheit des Grates, die die Herausforderung der Watzmann-Überschreitung ausmachen.

Aktuell wird die Überschreitung von der Nationalparkverwaltung aufwändig saniert. Die Art und Weise wird einige jedoch überraschen.

Sanierung: Mehr Sicherheit durch weniger Sicherungen?

Es ist eine von vielen mit Leid beobachtete Entwicklung: Vielerorts in den Alpen werden die Berge immer mehr erschlossen, mit Stahlseilen versehen, abgesichert.

In den Berchtesgadener Alpen sieht das jedoch anders aus: Am Watzmann werden nun die Sicherungen aufwändig saniert – und dabei rund 150 Meter Stahlseil und 50 Haken komplett entfernt.

Laut Angaben der Nationalparkverwaltung wird die Überschreitung des Watzmanns damit aber nicht anspruchsvoller. Die schwierigen Stellen bleiben weiterhin seilversichert (hier werden Haken und Seile erneuert), nur die leichten Gehpassagen werden von den überflüssigen Seilen entfernt. Was genau steckt dahinter?

Klettersteigsets vermitteln trügerische Sicherheit

In den letzten Jahrzehnten hat sich gezeigt, dass mehr Sicherungen am Berg nicht immer auch mehr Sicherheit schaffen. Im Gegenteil: Sie wiegen Menschen in einer trügerischen Sicherheit und locken sie in ein Gelände, dem sie vielleicht noch gar nicht gewachsen sind. Ein Klettersteigset kann jedoch niemals einen Mangel an alpiner Erfahrung und bergsteigerischem Können ausgleichen oder nachlassende Konzentration ersetzen.

Der Mensch sollte viel eher sich und ganz besonders sein Können dem Gelände und dem Berg anpassen – und nicht den Berg dem Menschen. Es ist wohl vor allem dieser Wunsch, der hinter der Entscheidung des Nationalparks Berchtesgaden steckt.

Ein kurzes Video über die Sanierung findet ihr übrigens hier.

Von Dorothea Neu