Das verstohlene Geräusch knisternden Lagerfeuers und das unverwechselbare Aroma frisch gebrühten Kaffees liegen wie ein geheimnisvoller Schleier über der endlosen Weite. Der Blick tastet sich behutsam durch die zerklüftete Landschaft und die eindringliche Stille und Einsamkeit versprühen Funken beinahe mystischer Magie. Wandern am Polarkreis steht für atemberaubende Intensität und unvergleichliche Naturspektakel, gewissermaßen am Rand der Welt.

Magische Grenze für Sonne und Licht

Der Polarkreis ist mehr als eine geografische und klimatische Grenze im hohen Norden Europas. Die unsichtbare Linie auf 66 Grad und 34 Minuten nördlicher Breite markiert den Wendepunkt zwischen Licht und Dunkelheit und ist scheinbar das Tor in eine andere Welt – eine Welt reich an Extremen und Naturphänomenen.

Sommertage ohne Sonnenuntergang oder die gefühlte Abwesenheit von Licht in den Wintermonaten, die Länder rund um den Polarkreis sind geprägt von teils extremen natürlichen Bedingungen. Arktische Sommer mit dem Phänomen der Mitternachtssonne und den sogenannten weißen Nächten, bei denen die Dämmerung nie gänzlich von der Dunkelheit verdrängt wird. Darüber hinaus bieten sich einzigartige Anblicke, wenn die Polarlichter ihr nächtliches Schauspiel am Himmel aufführen. Die Region zwischen Polarkreis und Nordkap gilt nicht ohne Grund als Loge für die Nordlichter und ihre Farbsymphonie am Himmel. Eine nächtliche Wanderung mit Schneeschuhen oder Hundeschlitten intensiviert den Zauber der weitläufigen Winterlandschaften und lässt nicht nur das Herz von Outdoor-Enthusiasten höher schlagen.

Die letzte Wildnis Europas?

Eingeschneite Wälder, zugefrorene Seen, eisige Bergsilhouetten und eine wohltuende Stille und Einsamkeit, die nur ab und an von Rentieren oder Elchen durchstreift wird – Lappland ist der Inbegriff winterlicher Idylle. Das nur spärlich besiedelte Gebiet nördlich des Polarkreises bildet buchstäblich die Krone der skandinavischen Halbinsel und ermöglicht das Wandern und Erholen in unberührter Natur. Ein gut ausgebautes Netz an Wanderwegen lädt zu ausgedehnten Trekking-Touren ein und bringt jedem Reisenden den unverwechselbaren Charakter der waldreichen und von Strömen durchzogenen Landschaft näher. Ein gigantisches Geflecht aus Nationalparks und Naturschutzgebieten, das es zu entdecken gilt.

Weltnatur- und Weltkulturerbe zugleich

Auch heute noch ist das schwedische Welterbe Laponia vom indigenen Nomadenvolk der Samen besiedelt. Wanderungen in diesem Teil Lapplands lassen Naturenthusiasten zudem in eine Kultur eintauchen, deren Tradition und Bräuche nach wie vor lebendig sind. Im Nationalpark Padjelanta öffnen Wanderhütten der Sámi ihre Pforten für interessierte Besucher. Auch die eindrucksvolle Gebirgslandschaft des Sarek Nationalparks zieht mehr und mehr Trekking-Begeisterte in ihren Bann. Allerdings ist die Region in erster Linie für erfahrene Wanderer geeignet, da mit Karte und Kompass navigiert werden muss und zudem hinsichtlich Ausrüstung und Verpflegung ausführliche Planung notwendig ist. Ein Blick vom Gipfel des Skierffe auf das sagenhafte Rapadelta ist jedoch Belohnung genug. Auf dem Kungsleden oder dem Padjelantaleden können auch Einsteiger den besonderen Reiz dieser Gegend auf sich wirken lassen.

Polarlichter in Nordschweden

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Als „Base Camp“ für Ausflüge und Wanderungen in diesem Teil Skandinaviens empfiehlt sich das idyllische Örtchen Jokkmokk. Von hier aus lassen sich neben den erwähnten Nationalparks zudem das Fjäll und sogar das Hochgebirge mit seinen Gletschern erkunden.

Skandinavisches Panorama

Entlegenste Orte jenseits des Polarkreises lassen sich auf einer Vielzahl von Routen wunderbar erkunden. Entlang der Wildnis-Straße Vildmarksvägen erwartet Naturfreunde unter anderem ein außergewöhnliches hohes Vorkommen von Braunbären in ihrem natürlichen Lebensraum. Ein Trek auf dem Königspfad in Schweden ermöglicht ebenfalls erstklassige Naturerlebnisse. Das Wandern auf diesem Weg gehört mit einigen mehrtägigen Etappen jedoch zu den anspruchsvolleren Outdoor-Abenteuern.

Auch Norwegen hat für begeisterte Wanderer einiges zu bieten. So wartet beispielsweise die zerklüftete Fjord-Landschaft der Helgelandküste mit der imposanten Inselgruppe Lofoten mit einer Vielzahl abwechslungsreicher Anstiege und Ausblicke.

Für Finnland empfiehlt sich Rovaniemi als Ausgangspunkt für Tagestouren oder auch ausgedehnte Wanderungen nördlich des Polarkreises. Wer seinen müden Beinen nach einem langen Tag in Wanderschuhen bestmögliche Erholung gönnen möchte, dem sei der Besuch einer traditionellen Blockhaus-Sauna wärmstens ans Herz gelegt.

Veröffentlicht am 13. Oktober 2015