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Skitourenregion Achensee: Vielfältige Skitouren überm Fjordsee

Die Region Achensee mit dem Karwendel- und dem Rofangebirge bietet zahlreiche Möglichkeiten für Skitouren.

Wie ein norwegischer Fjord liegt der Achensee eingekeilt zwischen den tief zerklüfteten Kalkflanken von Rofan im Osten und Karwendel im Westen. Jeweils an seinen Enden befinden sich bis ins Frühjahr weiß verhüllte Schwemmlandebenen mit den eng umrissenen Skigebieten des schneesicheren Christlum bei Achenkirch und der Mauracher Rofanbahn bei Eben.

Leicht oder extrem: Achenkirch

Rund um Achenkirch im Norden finden Einsteiger und Schlechtwettertourengeher fast immer eine Möglichkeit, ihre Spur in frischen Schnee zu legen oder – öfter – einer zu folgen. Zum Einstieg ist die Achenseer Hochplatte (es gibt in den Alpen dutzende Hochplatten) gerade Recht. Der Klassiker ist eine erstaunlich sanfte Skitour, die bei fast jedem Wetter gemacht wird. Ab der Falkenmoosalm geht es meist in idealer Genussneigung, unterbrochen von einer kleinen Stufe teils über Almflächen, teils durch lichten Wald aufwärts.

Konditionsbolzen queren auf dem bisher weitgehend abgekürzten Fahrweg rechts (1.490 m) unter der Marbichler Spitze mit kurzer Steilstufe durch zum Marbichler Joch, von dem es noch knapp 300 Höhenmeter über einen abschließend schmalen Südostrücken zum Nordostpfeiler des Karwendelgebirges sind, dem Juifen (1.987 m, 1150 Hm, 4 Std.).

Die meisten zweigen aber linkshaltend auf den Nordostrücken der Hochplatte ab, queren etwas lawinengefährdet unter den Gipfelhang und steigen über diesen in der Morgensonne zum Kreuz auf (1.813 m, 950 Hm, 2,75 Std.). Da sitzt man mit seiner Brotzeit am oberen Ende der ideale 25 Grad geneigten Platte und entdeckt zwischen sich und dem Skigebiet am Christlumkopf das Unterautal.

Die Tatsache, dass der Fahrweg durch dieses Tal im Winter unten eine Loipe ist, sollte misstrauisch stimmen: Die Hälfte der Höhenmeter und die längere Wegstrecke läuft man auf dieser reinen Einsteigertour auf dem Fahrweg im Wald; aber oben warten weite freie Wiesenkarhänge und nach dem Sattel des Gröbner Hals (1.650 m; 650 Hm, 2,25 Std.) sonnseitig eine Schneekuppe unterm felsigen Rether Kopf.

Die Abfahrt von der Hochplatte bis zur Falkenmoosalm ist ein unerwarteter Schwunggenuss – nicht zu vergessen den köstlichen Apfelstrudel bei der dortigen Bäuerin (am Wochenende bewirtet). Vor der Hütte wandert der Blick südwärts wie von selbst weiter zum Achensee, neben dem eine schroffe Pyramide ihn magisch anzieht: Die Seekarspitze als nördlicher Endpunkt des wilden Seebergkamms schreckt mit einem in düsteren Schatten gehüllten Steilkar ab. Für Skitourengeher der „strengeren“ Richtung ist dieser Berg ein richtiger Insidertreff, denn nur an wenigen Wochenden des Winters treffen Schneehöhe, -qualität und –sicherheit günstig zusammen. Dann steigt man fast vom Achensee aus über einen Fahrweg aufwärts und steigt von der Kogelalm über den licht bewaldeten und „belatschten“ Nordostrücken zum ausgesetzten ostseitigen Gipfelhang direkt überm See hinauf (für sich bereits eine tolle Tour). Danach muss zum von klarer, kalter Winterluft umspielten Gipfel gekraxelt werden (2.053 m, 1100 Hm, 3,5 Std.). Das Pracht-Panorama zwischen wildem Karwendelgebirge, schroffem Rofanplateau und fernen Zillertaler Alpen macht es einem schwer, die Skitourenstiefel festzuschnallen, in die Skier zu steigen und in den nordseitigen Hang zu lugen. Die Abfahrt ist fast nie perfekt – aber 400 Höhenmeter durchgehend atemberaubend steil. Als i-Tüpfel fährt man am besten unterhalb der Seekaralm entlang des Sommerwegs durch den Seebergwald zum Oberautal und skatet rechts mit den Langläufern um die Wette zum Startpunkt.

Im nördlichen Rofan

Gegenüber dem See erhebt sich dort im Osten eine bewaldete Bergflanke zu Füßen der schroffen Felskegel des Rofans, der (ob der, die oder das ist unklar) von den Kartographen den Brandenberger Alpen zugeschlagen wurde. Startet man an einem lawinengefährdeten Tag südlich des Cordialhotels Achensee Richtung Köglalm, gelangt man dort auf einem Fahrweg (ab der ersten Kehre abkürzbar) zu dem wohlverdienten, freien Rastplatz zwischen wettergedunkelten Almhütten. Nach anstrengender Spurarbeit entlang einem breiten, licht bewaldeten Nordwestkamm auf der topfebenen Gipfelfreifläche des Küppal angekommen (1.601 m, 770 Hm, 2,5 Std.), steht man genau zwischen den bewaldeten Bachschluchten von Brandenberg und dem eisfreien Achensee im Westen einerseits sowie dem Unnütz und dem felsigen Hauptmassiv.

Das überm südlichen Kammverlauf aufragende Kotalmjoch mit seinem Aufstieg über einen Fahrweg bis zur Kotalm-Mittelleger gehört zu den beliebtesten Genusstouren am nördlichen Achensee. Die Bergschulter (2.122 m, 1.170 Hm, 3,5 Std.) ist nicht nur im Gipfelbereich trotz zügigen Gefälles relativ lawinensicher; man kann auch bei der Abfahrt ab dem Mittelleger (1.608 m) eine sichere, steile Waldvariante zum Niederleger (1.290 m) nehmen.

Vom Küppal aus visuell interessanter sind allerdings die lotrechten Nordabstürze des Rofanplateaus südöstlich des Kotalmjochs. Viele schwierige klassische und einige neue Kletterrouten führen durch die düsteren Kalkwände. Denen gegenüber baut sich im Nordosten hinter Steinberg wie ein römisches Theater die sonnenbeschienene Guffertspitze auf.

Kaum zu glauben dass zwischen ihren Felsrängen zwei Skitouren hochführen, die allerdings erst im Spätwinter bei Firn gemacht werden: Nach dem von einer Lawine ausgeschlagenen Jungwald queren die meisten rechts in ein Tälchen. Harscheisenbewehrt steigt man durch einen Trichter mit Engpass und steilem Kar auf zum Sommerweg, der an Drahtseilen zum felsigen, freistehenden Aussichtsgipfel führt (2.194 m, 1.200 Hm, 3,5 Std.). Andere steigen gerade immer steiler hinauf, machen unter den Felsen Halt und gönnen sich zwei, drei Steilabfahrten im spritzenden Firn. Denn die darüber lockende Steilrinne mit bis zu fünfzig Grad Neigung zum Westgipfel bleibt Könnern vorbehalten…

Vor den Guffert drängt sich breit mit tief zerfurchter Nordostflanke der Unnütz. Er heißt nicht umsonst so: Zwischen Latschen und Felsen konnten früher im Sommer allenfalls Schafe ein Auskommen finden und im Winter schluckt der Berg die Strahlen der Morgensonne. Kein Wunder, dass im kalten Achenkirch die Loipen bis ins Frühjahr vorhalten… Der Skiaufstieg von Steinberg durch Wald und über den latschenbesetzten Ostrücken verläuft zwar etwas kompliziert und bietet auch keine interessante Abfahrt; aber er ist ziemlich lawinensicher und der Hauptgipfel des Vorderunnütz aussichtsreich (2.078 m, 1.050 Hm, 3,25 Std.). Bei sicherer Lawinenlage lässt sich zwischen Aufstiegsrücken und Hauptgipfel durch eine steile Talfurche, die sich links mit einer anderen vereinigt, im stiebenden Pulverschnee zur Oberen Bergalm abfahren. Die Wirtschaft hat im Spätwinter sogar geöffnet und man wird per Anhalter meist prompt mitgenommen zum Auto.

Auf dem Sonnenplateau

Am Südostende des Achensees bei Maurach spielt sich das Skitouren-Geschehen größtenteils auf dem südwestwärts geneigten Hochplateau des Rofan zwischen verschachtelten Felslandschaften ab. Es lohnt sich, mit dem Lift der Rofanbahn auf 1.840 Meter hoch zu schweben – man spart sich den Pistenhatscher im Wald und kann außerdem zwei Spritztouren mit jeweils um die 500 Höhenmetern Aufstieg kombinieren.

Bei der Tour zur Seekarlspitze wechselt das Janusgesicht des Rofan mit seinen gegliederten Spornkämmen bei jeder Routenwendung den Ausdruck von wüst zerhackten Felstrümmer-Landschaften über sanft gewellte Hochflächen und weite Kare bis zu lotrecht in den Himmel schießenden Wänden. Und das auf kleinstem Raum! Nach dem verzwickten Durchstieg am Rand des schütter mit Zirben bestandenen Felsengewirrs der Grubastiege, quetscht man sich um eine steile Ecke unter eine kurze Steilstufe. „Per aspera ad astra“, wie die alten Römer schon sagten – durch Anstrengung zum Erfolg. Darüber gleitet man auf dem breiten Südsporn der Seekarlspitze im Wiegeschritt durch einen hübschen „Steingarten“ auf die steile Gipfelflanke zu. Kaum zu glauben, dass dieser makellos weiße, vielversprechende Firnhang im Sommer mit Schrofen durchsetzt ist. Am kleinen schmiedeeisernen Kreuz (2.261 m, 500 Hm/1.250 Hm Abfahrt, 2 Std.) steht man über der lotrecht abbrechenden Nordwand. Die Rundumsicht zwischen den grauen Felsbastionen der Guffertspitze im Norden und dem Wilden Kaiser im fernen Osten, dem schroffen Karwendel im Westen und dem Gletscherglast der weiß herüberleuchtenden Zentralalpen im Süden ist gewaltig. Die rassige Firnabfahrt wird am Südsporn durch die Variante einer Rinne versüßt, die bis zu vierzig Grad steil zwischen Seekarlspitze und Spieljoch herabzieht.

Gleitet man beim Aufstieg am flachen Grubasattel gerade nordostwärts weiter, ändert sich das Gebirgspanorama schlagartig wie bei einem Filmschnitt: Über eine weite, ebenmäßige Senke schweift der Blick zur fernen Rofanspitze. Das Bild scheint aus Skandinavien hierher projiziert zu sein – wäre das Hochtal nicht eingerahmt von der Firnflanke der Seekarlspitze zur Linken, den Wandstufen der Haidachstellwand zur Rechten und dem gegenüber aufragenden Kalkturm des Roßkopfs. Allerdings ist man auf dieser abwechslungsreichen, relativ leichten Route selten allein unterwegs. Der scharfe Gipfelkamm (2.259 m, ebenfalls 500 Hm/1.250 Hm Abfahrt, 2 Std.) zwischen Südflanke und nördlichem Wandabbruch lauert aber mit Wechten auf unerfahrene Skitourengeher, während die südseitige Umgehung hinter der Grubascharte lawinengefährdet sein kann. Freeride-Freaks werden von hier nicht den zahmen Rutscher und die eventuell vereiste Piste zurück zur Talstation nehmen, sondern gerade südwärts hinabschießen nach Wiesing ins Inntal und per Bus zum blauen Achensee zurückfahren.