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Insel aus dem Schoß der Erde

Zur Entstehung Lanzarotes
Kaum noch angezweifelt werden The­orien, dass sich im Erdmantel riesige Kontinentalplatten gegeneinander verschieben, wobei es zu Stauchungen und Zerrungen an den Stirnseiten der Platten kommt. So stieß die von der Atlantischen Platte abdriftende Afrikanische Platte auf die Asiatische Platte, es kam zu Bruchbildungen im Bereich der heutigen Kanarischen Inseln. Das alles geschah vor etwa zwanzig Millionen Jahren, als sich Fuerteventura aus dem Meer erhob. Einzelne Schollen aus dem untermeerischen Bruchgebiet wurden nach oben gedrückt, andere wiederum nach unten. Mit Lanzarote geschah etwa vier Millionen Jahre später das Gleiche.
    Nachdem Fuerteventura (20 Mio Jahre alt) und Lanzarote (16 Mio Jahre alt) aus dem Meer aufgetaucht waren, drückte flüssiges Magma entlang der Bruchstellen aus dem Erdinneren nach oben und überzog die neu entstandenen Inseln mit Eruptionsgestein. Aus einer Vielzahl von Kratern floss immer neues Magma (Lava) an die Erdoberfläche, verteilte sich über die Inseln und hinterließ eine Mondlandschaft aus Vulkanen. Diese Vulkane wurden seit ihrer Entstehung vor 20 bzw. 16 Mio Jahren zu unterschiedlichen Zeiten (zuletzt 1824 auf Lanzarote) aktiv und veränderten ihrerseits durch Eruptivmaterial (Lava, Asche, Gestein) ihre Umgebung.
  
Geschichtliche Entwicklung
Lanzarotes historische Entwicklung liegt (noch) weitgehend im Dunkeln. Geschichtsschreiber, die Zeitzeugen von Eroberungen, Überfällen, Versklavung und Zerstörung auf Lanzarote wurden, haben sich kaum zu Wort gemeldet. Griechische Historiker der Antike sprachen überschwänglich von glücklichen Menschen auf paradiesischen Inseln, nur weiß bis heute niemand genau, ob damit die Kanarischen Inseln gemeint waren. Vermutlich waren schon die Phönizier aus dem östlichen Mittelmeerraum oder von ihren Niederlassungen in Nordafrika (Karthago) und auf den Balearen mit dem Nordostpassat bis zu den Kanaren gesegelt. Von „großen Hunden“ berichteten römische Eroberer und nannten die Insel nach ihnen „Gran Canaria“. Funde bestätigen die Anwesenheit der Römer auf den Kanaren etwa um die Zeitenwende.
    Nach den Römern fand eine Besiedelung der Inseln von Nord­afrika aus statt. An dieser Erkenntnis zweifelt heute eigentlich niemand mehr, zu stark sind die Ähnlichkeiten der entstehenden Guanchenkultur mit Merkmalen (Hausbau, Sprache, Aussehen, Kultsymbole) aus dem Siedlungsraum der Berber. Doch wie gelangten Siedler aus Nordafrika auf die Kanaren, wo doch die ersten dort auftauchenden Europäer keine Boote oder gar Schiffe vorfanden? So manches Rätsel um Lanzarote und seine Nachbarinseln ist also noch nicht gelüftet. Auch die Kultur der Altkanarier (Guanchen) ist nicht ab­schließend erforscht, gab es doch fast keine schriftlichen Aufzeichnungen, auf die sich Historiker aus dem europäischen Mittelmeerraum stützen konnten, als die hier herrschenden Mächte sich anschickten, die Welt jenseits ihrer bis dahin bekannten Hemisphäre zu erkunden. Im Zuge dieses Aufbruchs zu unbekannten Welten setzte 1312 der Genueser Lancelotto seinen Fuß auf lanzaroteñischen Boden: Lanzarote hatte einen Namen. Ihm folgte 1402 der normannische Eroberer Jean de Béthencourt, der sich alsbald mit den Führern (Königen) der Guanchen auf Lanzarote arrangierte. Dieses Paktieren ging so weit, dass man gemeinsam die Nachbarinseln Fuerteventura, Gomera und Hierro unter ihre Herrschaft brachte. 1405 übertrug der Normanne alle Verwaltungsbefugnisse auf seinen Neffen Manciot, der sich jedoch bald als Ausbeuter der Insel und seiner Ureinwohner entpuppte. Viele Inselbewohner wurden als Sklaven verkauft, Lanzarote selbst meistbietend an Portugiesen verscherbelt, obwohl Manciot bereits auf die Insel Madeira verbannt war.

    Auch mit dem Nachfolger Herrera hatte das kastilische Königshaus als Schutzmacht keine glückliche Wahl getroffen, denn auch dieser „Gouverneur“ beutete Lanzarote aus. 1496 wurden die Kanarischen Inseln dem neu entstandenen Königreich Spanien (1469) eingegliedert. Zu dieser Zeit war die Zahl der Altkanarier bereits sehr stark dezimiert. Unter der spanischen Krone verbesserten sich die Lebensbedingungen der Lanzaroteños, die sich selbst dem Stamm der „Majos“ zurechneten, nicht. Im 16. bis 18. Jahrhundert setzten Piratenüberfälle, Verschleppungen in die Sklaverei, Trockenperioden und Vulkanausbrüche der verbliebenen Bevölkerung hart zu. Viele wanderten aus. Um 1800 besserte sich die Lage durch verstärkte Teilnahme am Fernhandel. Eine Verwaltungsreform brachte 1836 mehr Rechte für die Kanarischen Inseln, der Feudalismus war auf dem Rückzug, die Bevölkerung Lanzarotes nahm ihr wirt­schaft­liches Schicksal nun verstärkt selbst in die Hand.
  Wein wurde exportiert und vor allem der Handel mit dem roten Farbstoff aus der Koschenillen-Zucht brachte einen bescheidenen Wohlstand. Reblaus und Mehltau (1872) einerseits sowie die synthetische Herstellung von Farbstoffen (Anilin, 1870) entzogen Lanzarote erneut die wirtschaftliche Basis. Hunger war keine Seltenheit mehr, wieder verließen Einwohner die Insel. Während der Franco-Diktatur (1939-75) war es auch nicht mehr möglich, durch Auswanderung wirtschaftlicher Not zu entgehen.
Der Beginn des Tourismus ab ca. 1970 brachte einen erneuten Aufschwung.
1993/94 erhob die UNESCO Lanzarote zum Biosphärenreservat, um einen Anreiz zu geben, die einzigartige Vulkanlandschaft dauerhaft zu schützen.

Die Wirtschaft
In der Antike waren wohl schon die Phönizier auf die riesigen Bestände an Orseille-Flechten aufmerksam geworden, die damals zur Herstellung von Farben verwendet wurden. In dieser Tradition stand die Züchtung der Koschenille-Laus auf Feigenkakteen bis ins späte 19. Jahrhundert, als die synthetische Herstellung von Anilin die Gewinnung von Karminrot aus Läusen überflüssig machte. Nur zwischen Guatiza und Mala geht man noch heute hartnäckig dieser Erwerbsart nach.

Weinbau ist seit der Zeit um 1600 auf Lanzarote nachgewiesen, kam aber mit Auftreten der Reblaus und von Mehltau 1872 völlig zum Erliegen. Erst mit verstärktem Einsetzen des Tourismus nach 1970 besann man sich wieder der edlen Rebe, die heute im Trockenfeldbau kultiviert wird. Mit dieser speziellen Anbaumethode in Lavatrichtern hat man nicht nur mit der Weinrebe Erfolge erzielt, sondern auch mit Feigen, Mandeln, Kartoffeln, Zwiebeln und Tomaten.
    Die Gewinnung von Bodenschätzen spielt auf Lanzarote keine Rolle. Allein die reichlich vorhandenen Lavakörner (Lapilli) werden für den Trockenfeldbau in großen Mengen abgebaut. Im Fischereiwesen gab es einst Ansätze zur industriellen Entwicklung, doch eignete sich der Fischfang nicht für den Export, so dass heute nur noch für den Eigenbedarf gefischt wird. Energie aus Windkraft wird bei Los Valles gewonnen, Anlagen zur Meerwasserentsalzung stehen bei Arrecife und an der Playa de Janubio. Unterm Strich also eine bescheidene wirtschaftliche Bilanz. So ist es nicht verwunderlich, dass man auf Lanzarote voll auf den Wirtschaftsfaktor Tourismus setzt, von dem bereits etwa achtzig Prozent der lanzaroteñischen Bevölkerung leben.

Die Küche
Regen fällt selten auf Lanzarote, Wasser war daher immer schon knapp und die Bewirtschaftung der Felder und Weingärten somit äußerst schwierig. Über viele Jahrhunderte vollzog sich der Fischfang nur vom Strand aus, denn Boote waren lange unbekannt. Zusätzlich erschwerten Vulkanausbrüche das Überleben auf Lan­zarote. Die heiße Lava über­deckte immer und immer wieder fruchtbares Land. Doch schon die Altkanarier stellten sich den Widrigkeiten der Natur, auch wenn ihren Nachfahren oft nichts anderes übrig blieb, als die Insel zu verlassen. Die Zeiten haben sich gottlob geändert. Meerwasserentsalzungsanlagen sorgen für das lebenswichtige Wasser, die Technik des Trockenfeldbaus garantiert eine tragfähige Bodenbewirtschaftung. Der Lanzarete­ño unserer Tage muss keinen Hunger mehr leiden, doch können viele Gerichte, die zu Hau­se oder im Lokal auf den Tisch kommen, ihren Ursprung in kargen Zeiten nicht leugnen. Erfindungsreichtum hat aus manchem Nahrungsmittel wah­re Leckerbissen gezaubert.
    Allen voran steht der „Gofio“, schon zur Guanchenzeit Grundnahrungsmittel und auch heute  immer noch nicht aus der inseltypischen Kü­che wegzudenken. Gofio aus geröstetem und gemahlenem Weizen und Mais findet als Mehl bei vielen Gerichten Verwendung, aber auch als Brei aus einer Mischung aus Mehl, Gewürzen und flüssigen Zutaten. Im trocken-hei­ßen Klima Lanzarotes die Nahrungsmittel haltbar zu machen, war den Bewohnern eigentlich nie ein großes Problem, denn Salz wurde ausreichend auf Salzfeldern (Salinen) gewonnen und zur Lebensmittelkonservierung mittels Salzlaken verwendet. Noch heute wird manches Gericht, vor allem Fisch, mit einer Salzkruste schmackhaft gebacken.

Aus diesen Beizen (ado­bos), die in vielfältigen Va­ri­ationen entstanden, entwi­ckelten sich Soßen (mojos) aus Essig, Öl, Knoblauch, Kräutern und Ge­mü­sen, die der kanarischen Küche das gewisse Etwas verleihen. Vieles, was Schwein, Rind, Geflügel oder Kaninchen hergeben, landet in solchen Beizen. Oder was wäre so mancher Fisch ohne eine Salzkruste? Sogar der Kartoffel (papas) bleibt das Salzbad nicht erspart. Runzlig und mit einer Salzkruste überzogen findet sie sich auf den Tellern von Einheimischen und Touristen wieder. Nur nicht beim Verzehr von „Papas arrugadas“ die Scha­le entfernen! 

Verdorben ist dem Lanzareteño sicherlich trotz Salzlake und Beize unter der im Sommer unbarmherzig brennenden Son­ne so manche Speise, absichtlich verkommen lassen hat er nie etwas. Dafür war der tägliche Existenzkampf zu hart. Also bereicherte alles, was sich während der Woche an Essensresten angesammelt hatte, den beliebten Inseleintopf (ropa vieja), heute nennt er sich etwas vornehmer „Puchero“ oder „Rancho canario“. Auch mancher Fisch endet im Eintopf und isst sich zum Beispiel als „Sancocho canario“ ganz vorzüglich. Mit Vorliebe aßen die Ureinwohner die auf Lavafelsen lebende Napfschnecke (Lapas), jedenfalls fand man in ihren Siedlungsgebieten Unmengen leerer Schneckenge­häuse. An der Beliebtheit dieser Delikatesse hat sich nichts geändert. Keineswegs nur eine Vorspeise muss die „Potaje“ sein, eine Suppe aus frischem Gemüse von der Insel.
    Vom spanischen Festland kommen die in fast jeder Bar erhältlichen „Tapas“, ein kleiner, aber einfallsreicher Imbiss. Importiert wird auch so mancher Wein, denn die Reben Lanzarotes können allein den Durst der immer zahlreicher werdenden Touristen nicht stillen. Ein alkoholreicher Malvasier oder auch der vollmundige Muskateller sollte nur in Bodegas getrunken werden, die sich einer strengen staatlichen Kontrolle unterziehen, denn nicht selten findet gepanschter Wein den Weg zum Konsumenten.
   
Das Brauchtum der Insel
Südländisches Temperament ist den 100.000 Lanzaroteños wohl eher fremd und doch feiern sie sehr ausgelassen und fröhlich. Und das nicht nur bei weltlichen Festen! Jedes kleine Dorf besitzt eine Schutzpatronin oder einen Dorfheiligen, die am Patronatstag in einer Sänfte auf den Schultern von Fischern und Bauern durch das Dorf getragen werden. Die Schutzpatronin der Seefahrer und Fischer, die „Virgen del Carmen“, wird gar bei einer prunkvoll ausgestatteten Schiffsprozession (Arrieta, Playa Blanca, Puerto del Carmen) mit Booten aufs Meer hinaus gefahren, begleitet vom Geläut der Kirchen­glocken und den schrillen Sirenentönen unzähliger Schif­fe und Boote. Ganz und gar nicht besinnlich verläuft auch das Hirtenfest am Heiligabend, die „Fiesta de Rancho de Pascua“ (vor allem in Teguise), bei der nach alten heidnischen Bräuchen Mitwirkende in Tiermasken auftreten, begleitet von lau­ter Musik und ausgelassenem Tanz.
    Die kirchlichen Feste sind auf Lanzarote so übers Jahr verteilt, dass auch für weltliche Bräuche noch genügend Zeit bleibt. Im Februar gehört dem Karneval die Straße. Dann verwandelt sich ganz Lanzarote in ein farbenprächtiges Tollhaus, in dem Kostümierte, Gaukler, Komödianten und Musikanten wochenlang den Ton angeben.

Wenn mit Saisonbeginn die ers­ten Sommertouristen auf die Insel kommen, schlägt die Stun­­de der Folkloregruppen, die auf Lanzarote gezielt ausgebildet werden. Besonders attraktiv sind die folkloristischen Veranstaltungen in der Lavagrotte „Jameos del Agua“ bei Arrieta. Auch auf dem Islota de Hilario in den Feuerbergen treten im „El Diablo“ Folkloregruppen auf. Sie alle pflegen alte Tänze wie die Malagueña und Seguidilla, die portugiesischen Ursprungs sind, aber auch den Sorondongo, einen rein kanarischen Tanz.
    Im Mittelpunkt der musikalischen Begleitung steht dabei meist die „Timple“, eine kleine vier- oder fünfsaitige Gitarre, die nur auf Lanzarote hergestellt wird. Bei den Ringkämpfen in Uga gehören Volkstanzgruppen zum Rahmenprogramm und in Teguise beleben sie sonntags das Markt­treiben.

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