Von „fair means“ zum Ski-Plus im Tuxer Tal

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Wenn ich fliegen könnte, würde ich jetzt über diesen Lawinenhang unter den Nordwestabbrüchen der Realspitze hinaufschweben: Bei jedem Spurschritt rutschen die neuen Carver mit der Schneeauflage weg - oder ich muss sie mit den Harscheisen in die vereiste Unterlage schlagen. Und über mir, genau am Hangausstieg künden mehrere Abrisskanten von vergangenen Schneebrettabgängen. Einfach wundervoll! Wäre es in der letzten Woche tagsüber nicht so warm gewesen und läge die Flanke nicht noch trotz nachmittäglicher Stunde im Schatten, würde ich einsamer Skitourengänger jetzt den nächsten Abgang produzieren. Zwischen Erleichterung und Fluchen schwankend eiere ich schließlich prekär über Felsabbrüchen zum sicheren Ufer der Gratrampe hinüber - da drücken sie plötzlich im Dutzend rein und wedeln leichtfüßig wie personifizierte Halluzinationen an mir seelisch-körperlichem Wrack vorbei! Weder Aufstiegsspur noch Hubschrauber weit und breit: ja, wo kommen die denn her? Auf dem Blockgrat angejapst, fällt mein Blick unter der prallen Höhensonne sofort auf die Busen-weiche Rundung des Federbettkeeses am Hohen Riffler - und es mir wie Schuppen von den Augen: Im Führer stand doch etwas von einer Überschreitung, die vom Hintertuxer Gletscher startet... Ha, keine 800 Höhenmeter haben diese Weicheier in den Beinen! ‚Hoffentlich komme ich in meinem Zustand nur halb so gut runter, wie die’, blitzt es mir durch die weichgebrannte Birne, als ich mich auf 3039 Metern in den königlichen Schnee der Realspitze plumpsen lasse, ‚wenn mir was passiert, darf ich biwakieren.’

Um meinen Logenplatz breitet sich in prachtvollem Wintermantel die Szenerie der Zillertaler Alpen und im Westen der Tuxer Hauptkamm aus: Dort ist die kupierte Rastkogelgruppe unten bereits schneefrei, mit weißen Kunstschneebahnen vom Lämmerbichl und Penken bis ins ergrünende Tal - während überm Hintertuxer Skigebiet neugierig der Olperer herüberlinst. König Hochfeiler dagegen sieht von hier aus weniger eindrucksvoll aus als der breite Walrücken des gemächlichen Schwarzensteins oder die gleißenden Steilflanken des rassigen Großen Löfflers, unter denen sich üble Spaltenzonen verbergen. Aber im zentralen Zillertal auf Winterraum-Skitour zu gehen ist langwierig... Dagegen lacht mich direkt gegenüber das breite, aber keineswegs flache Becken des Kars unterm Großen Igent verlockend an, dessen Zustieg jedoch nicht von schlechten Eltern ist. Dafür kann man vom Auto aus dem Zemmtal losziehen.

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Mann erholt sich meist erstaunlich schnell, und bald steche ich im Abfahrtsrausch die Steilstufe runter. Im wonnigen Wechsel zwischen ätzendem Bruchharsch und lieblichen Pulverhängen schwinge ich rhythmisch im weichen Nachmittagslicht abwärts zum erwartungsvoll daliegenden Becken des unteren Karbodens. Bin ja gespannt, wie es sich über meinen speziellen Direktbrachialzustieg abbrettern lässt. Durch die enge, noch schneebedeckte Steilrinne bin ich unter Ausnutzung jeden Zentimeters Freiraum, jeden Härchens Fellhaftung und allen Spitzkehrenkönnens hochgetigert: ‚Da werde ich’s doch runter erst recht schaffen!’ Denkt er und kommt nur knapp und um die ersten Kratzer im jungfräulichen Belag bereichert unten an.

Das erste, was einem am Tuxerfernerhaus ins Auge springt, ist einer der zerklüftetsten Gletscher Österreichs direkt neben der Piste: die Gletscherzunge der Gefrorenen Wand. Von den chaotisch durcheinandergeworfenen, bläulich leuchtenden Eistürmen wandern sonnengeschützter Blick und skibeschwerte Beine ostwärts an einer makellos gerundeten Gletscherhaube hinüber zu steilen granitenen Plattenwänden. Dahinter erhebt sich wie ein auf den flachen Keesen schlafender Halbmond die breite Bergkuppe des Hohen Riffler. Unter dessen schattiger Schrofenflanke zieht eine wie mit dem Lineal gezogene Skispur durch den ersten Sonnenspot in Richtung eines steilen Hangs.
An der Spitze der Spur bewegt sich im Zeitlupentempo ein dunkles Pünktchen. Meist bereits im Frühwinter wird die Route auf einen der beliebtesten Ski-Dreitausender eingeweiht. Die beißende Morgenkälte des Frühwinters kommt beim Hochschnaufen über den anschließenden Steilhang gerade recht zum Abkühlen. Plötzlich steht man in klarer Höhenluft auf dem Federbettkees am Rücken des Rifflers, Angesicht zu Angesicht mit den bisher verborgenen Zillertaler Eis- und Felsriesen. Ein Powerspurt trägt auf den Schwingen des Höhenrauschs zum 3231 Meter hohen Gipfelkreuz.
Alle Zillertaler sind von hier zu sehen, die Rang oder Namen haben: Vom Zackengrat des Hochsteller über König Hochfeiler zieht der Blick zum Tourenparadies der Berliner Hütte. Und im Osten droht hinter den bunt wuselnden Punkten der Skifahrer die seit ihrer kühnen Erstbegehung durch Swami Prem Darshano (bürgerlich Ludwig Rieser) und Paul Koller nie wieder berührte, überhängende Ostwand der Lärmstange am untern Rand des zum Granitdreieck des Olperer führenden Grats.

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In den federleichten Pulverschnee lassen sich genießerisch lange Schlangenspuren und elegante Zöpfe fahren. War die Abfahrt bisher ein zu kurzes Vergnügen, warten nach der Lineal-Querung bis hinab in die Kleegrube erschöpfende 800 Höhenmeter jungfräulichen Schnees auf uns. Allerdings wird der berauschende Elan der Schwünge hin und wieder von einigen im schlecht gesetzten Schnee herumlungernden Granitblöcken unsanft gebremst... Nichtsdestotrotz sitzt man mittags rundum zufrieden bei Germknödel und Spezi in der Sommerbergalm und überlegt sich, welche Piste für den Nachtisch am schönsten wäre.

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KOMPASS Karte:

WK 37 Zillertaler Alpen-Tuxer Alpen


Bilder: pixelio.de

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