Winterwandern Ammergebirge: Zwischen Sonnenwandern & Schneestapfen

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Die Zeit zwischen Herbst und Winter ist die schwierigste für eine Tourenplanung im Gebirge. Irgendwann im November kommt auch bei den Bergen bis 2000 Metern der erste Schnee, der nicht mehr wegschmilzt. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man macht eine klassische Winterwanderung mit schattseitigem und häufig flachem Aufstieg im Schnee oder man sucht sich sonnseitige Bergflanken mit senkrecht aufprallender Spätherbstsonne, wo der Schnee sich nur in schattigen Mulden oder im Gipfelbereich halten kann.

 

Aussichtskamm über dem Kloster Ettal

Eine wunderliche Ausnahme von dieser Doppelregel ist die auch im Frühwinter viel begangene Notkarspitze, deren langer Normalweg vom Ettaler Sattel aus (880 m) immer dem Ostrücken und –kamm folgt. Die anderen Aufstiege wie der kürzeste von der Ettaler Mühle werden schon bei wenig Schnee zur Zumutung. Vom Parkplatz direkt westlich des Ettaler Sattels steigt man anfangs durch Wald auf, der sich schon vor dem Ochsensitz lichtet und vor der bei Schnee unangenehmen Querung zum Ziegelspitz (1719 m) verschwindet. Die meisten kehren hier nach Betrachtung der runden Kuppel und der um einen großen Innenhof gruppierten Anlage des Klosters Ettal bei Schneelage um, denn der Weg mutiert bald zu einem abwärts führenden Latschensteig, der besonders bei nassem Schnee vom nadelbüscheligen Krummholz überhangen ist. Und der Blick vom Wiesengipfel der Notkarspitze (1889 m) ist auch nicht viel besser: Immerhin sieht man hier nicht nur über die unten fichtengrünen, oben felsigen oder bereits neuschneebepuderten Berge des östlichen Ammergebirges, sondern auch hinaus auf die nebelweiße Wattebauschdecke überm Alpenvorland. Westlich gegenüber ragen die schroffen Flanken des Estergebirges hinter dem Loisachtal auf, und im Süden schiebt sich das schneebedeckte Kalkmassiv der Zugspitze überm bereits überzuckerten Garmischer Hausberg der Kramerspitze (1982 m) in den glasklaren Spätherbsthimmel.

Schneefrei nach oben

Am Klammspitzkamm im Norden mit seiner 14 Kilometer langen Südflanke zeigt sich dagegen kein Schneefetzen. Beliebt ist hier der Aufstieg von Linderhof (948 m) im Herzen des Ammergebirges, wo der bayerische Märchenkönig Ludwig II. sein Lieblingsschloss hatte, bevor er sich brütend ins Schloss Neuschwanstein an der Ostseite des Ammergebirges zurückzog. Man folgt anfangs auf steinigem Weg entlang einem Bach in kalter Morgenluft zu einem Fahrweg und steigt auf einem Karrenweg in dem von Sonnenbündeln durchbrochenen Linderwald hinauf zum Kamm. Schlagartig öffnet sich der Blick aufs obere Lindertal, während man überrascht feststellt, dass auf der Nordseite des Klammspitzkamms bereits Schnee liegt. Von den ab Mitte Oktober nicht mehr bewirteten Brunnenkopfhäusern (1602 m), die früher den König bei Jagdausflügen beherbergten, fällt der Blick auf die Große Klammspitze (1924 m), deren schon im Sommer unerfreulicher Schulteraufstieg bereits weiß herüberscheint.

So wie das wilde Hochgries-Kar der Kreuzspitze (2185 m) und die Rückseite der Scheinbergspitze (1926 m). Dass dieser Berg sich zu einer der beliebtesten Destinationen für Spätherbsttouren gemausert hat, traut man ihm erst zu, wenn man dessen Parkplatz erreicht hat. Nein, nicht den großen Skitourenparkplatz am Sägertal, sondern den vollen gegenüber dem Kreuzspitz-Kar. Zwar ähnelt der bewaldete Südosthang der Scheinbergspitze dem Aufstieg zu den Brunnenkopfhäusern. Aber unten können bereits Schneereste liegen, im sonnendurchfluteten Mittelteil steigt man über einen Serpentinenweg zügig aufwärts und am freien, teils schneebefleckten Gipfelrücken sollte man trittsicher sein.


Aufstiege für Sonnenanbeter

Anspruchsvoller und schöner ist der südseitige Spätherbst-Aufstieg zum Friederspitz (2049 m), dem einen Meter kleineren Zwillingsberg des Frieder, der sich mit brüchigen Schrofenflanken über dem Elmautal zwischen Graswang und Linderhof aufbaut. Dieser ebenfalls im Winter mit Skiern begangene Klassiker bietet neben seinem ostseitigen Normalweg zwei kürzere und schönere Aufstiege an, einen mit Anfahrt per Bike am Elmaubach und den sonnigsten vom Parkplatz an der Ochsenhütte (800 m) im Loisachtal. Hier folgt man nur kurz dem Fahrweg zur Rotmoosalm, um ins Friedergrieß mit seinen an Flussauen erinnernden Kiesfeldern und Weidensträuchern zu queren. Vor dem Ausgang einer Klamm geht es auf leicht übersehenem Steig rechts hinauf in lichten Wald, der bald weitstehnden Bäumen mit langem braunem Hanggras weicht und zu einer Schafalm mit vielblütigem, blauviolettem Deutschem Enzian führt. Der gleichmäßige Serpentinenaufstieg und die warm getönte Herbststimmung lassen vergessen, dass man 1250 Höhenmeter durchhalten muss, bis man das unerwartet auftauchende und bereits schneebedeckte Plateau am Lausbichl und den den Gipfelaufschwung hinter sich gebracht hat. Bei Schneelage sollte man den recht ausgesetzten Übergang zum Frieder meiden und das Panorama vom östlichen Ammergebirge über Wetterstein und Mieminger Kette bis in die Stubaier Alpen überm Inntal genießen.

Wer die ersteren aus der Nähe sehen will, der fährt auf der Straße von Garmisch-Partenkirchen Richtung Fernpass weiter bis zum Eisenbahn-Viadukt (965 m) vorm Lermooser Becken. Hier fahren Biker über einen Teerweg hinauf, solange es nur geht; ausgeschlafene Wanderer dagegen steigen am späten Vormittag zwischen Kärlesbach und einer die Wärme stauenden Felswand auf zur urigen Tuftlalm (1496 m). Biker wie Wanderer können sich vor der Hütte auf ein Rastbankerl mit Tisch setzen, von dem aus man das eindrucksvolle Panorama dreier Gebirgsgruppen bewundern kann: der 800 Meter hohen Wetterwand unter der Zugspitze, den westlichen Abschlusswänden der Mieminger Kette mit der mauerglatten Sonnenspitze und den bereits schneeüberkronten Nordflanken der östlichen Lechtaler Alpen mit der düsteren Gartnerwand.

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