Der Mount Washington in New Hampshire ist mit seinen 1.917 Metern der höchste Berg im Nordosten der USA. Folglich gehört er auch zu den beliebtesten Ausflugszielen in ganz Neuengland. Jährlich drängt sich insgesamt rund eine viertel Million Menschen auf dem Gipfel. Doch viele Touristen unterschätzen den Mount Washington gewaltig – der Berg ist einer der gefährlichsten Orte der Welt und bei seiner Besteigung droht sogar Lebensgefahr.

Mit seinen nicht einmal 2.000 Höhenmetern würde ein Berg wie der Mount Washington in den Alpen keine Beachtung erhalten. Doch ihn deshalb zu unterschätzen kann ein fataler Fehler sein! Mehr als 150 Menschen haben am Mount Washington bereits den Tod gefunden.

Gut ausgestattete Wanderer sind auf dem Gipfel des Mount Washington eher eine Seltenheit. Die wenigsten seiner Besucher tragen Wanderschuhe oder haben einen Wanderrucksack bei sich. Warum auch? Mit Flipflops oder leichten Turnschuhen bekleidet erreichen die meisten Besucher den Gipfel ganz gemütlich mit dem Auto oder der seit 1868 betriebenen Zahnradbahn. Doch immer wieder berichten die lokalen Nachrichten von verletzten oder gar tödlich verunglückten Touristen am Berg. Warum der Mount Washington so gefährlich ist? Er befindet sich in einer der gefährlichsten Wetterzonen Nordamerikas und ist berüchtigt für seine extremen Wetterumschwünge.

Am Mount Washington können Wanderer in der Lake of the Clouds-Hütte übernachten

outdoors.org/Dennis Welsh

Wer über die Wanderroute auf den Gipfel gelangt ist, wurde auf seinem Weg bereits mehrfach durch Schilder des US Forest Service am Wegesrand gewarnt: Bei schlechtem Wetter sollten Wanderer unverzüglich umdrehen, im Gelände rund um den Mount Washington herrsche das schlimmste Wetter Amerikas und es seinen bereits viele Wanderer an Unterkühlung gestorben – sogar in den Sommermonaten. Und diese Warnung sollte man auf jeden Fall ernst nehmen.

Am Mount Washington staut sich die kalte Luft aus dem Norden und trifft auf warme Luftströme aus dem Südwesten. Der Gipfel gehört dadurch zu den windreichsten Regionen der Welt. Im Jahr 1934 wurden am Mount Washington eine Windgeschwindigkeit von 372 km/h gemessen – für viele Jahrzehnte was das die weltweit höchste gemessene Windgeschwindigkeit. An mehr als hundert Tagen im Jahr bläst der Wind mit Hurrikanstärke (mehr als 120 km/h) über den Gipfel. Bei diesen starken Böen hilft meist auch die beste windabweisende Softshell-Jacke reichlich wenig.

Auch die Temperaturen am Berg sind unberechenbar. Bereits im Herbst kann die Temperatur auf dem Gipfel bei −40 °C liegen. Wer dann nur leicht bekleidet ist, weil er sich an den noch recht milden Temperaturen in Tal orientiert hat, hat auf dem eisigen Gipfel schnell ein Problem. Mit einer durchschnittlichen Windgeschwindigkeit von 56 km/h und eine Durchschnittstemperatur von −2,7 °C über das gesamte Jahr herrscht auf dem Mount Washington meist ein extremer Windchill-Effekt. Das heißt, der Unterschied zwischen der gemessenen Lufttemperatur und der gefühlten Temperatur ist aufgrund der hohen Windgeschwindigkeit extrem hoch.

Wer sich trotz aller Widrigkeiten und gut ausgerüstet dazu entschließt, auf den Mount Washington zu wandern, wird – sollte es nicht zu spontanen Wetterumschwüngen kommen – belohnt. An klaren Tagen kann man vom Gipfel bis zum Atlantik schauen. Der Weg auf den Mount Washington ist übrigens Teil des 3.500 Kilometer langen Appalachian Trail, der Neuengland mit Georgia verbindet und dabei auch über den gefährlichsten Berg Nordamerikas führt.

Veröffentlicht am 28. Juli 2016