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Kuhtrittmuscheln: Mysteriöse Versteinerungen am Arlberg

In der Arlberg-Region zeugen Gesteine von der Entstehungsgeschichte des Gebirges.

Bei Wanderungen am Arlberg entdeckt man am Wegesrand schon mal seltsame Steine, die an versteinerte Kuhhufen erinnern. Kein Bild aus fremden Galaxien, sondern eine versteinerte „Kuhtrittmuschel“ in der Region. Das Kalkgebirge entstand aus Lebewesen.

Wer würde im Lechtal einen Ausflug ans Meer erwarten? Tatsächlich entstand das Gestein rund um den Oberlauf des Lechs im Salzwasser – allerdings schon vor etwa 220 bis 230 Millionen Jahren und sehr viel weiter im Süden. Die Erkenntnisse der Geologen entführen uns gleichsam auf eine Reise durch Raum und Zeit: So entstand der harte Kalk, der die schroffen Felswände der Allgäuer Alpen und die verkarsteten Hochflächen rund um die Lechquelle bildet, in einem tropischen Korallenmeer, wie man es heute um die Malediven vorfindet, und zwar großteils aus Algen und Korallenriffen. In manchen Gebieten – z. B. im wüstenhaft trockenen Steinernen Meer nahe dem Formarinsee  – entdeckt man heute noch unzählige versteinerte Reste von  Ammoniten, Kalkschwämmen oder Seeigeln, die diesen unglaublichen Vorgang bezeugen. Natürlich ging die Sedimentation nicht von heute auf morgen vor sich:  25.000 Jahre dauerte es, bis so viele  abgestorbener Lebewesen auf den Meeresboden sanken, dass daraus eine Kalkschicht wurde, die heute vier Meter dick ist. Vier Meter? Der Große Krottenkopf, der höchste Gipfel der Allgäuer Alpen, wächst mehr als 1.600 m über das Lechtal hinaus!

Vom Meeresboden auf 3.000 m

Noch ein wenig höher ragen die Lechtaler Alpen empor. Die längste Gebirgskette der Nördlichen Kalkalpen besitzt mit der Parseierspitze sogar deren einzigen Dreitausender. Geologisch gesehen ist dieser verzweigte Kamm zwischen dem Lech, dem Inn und dem Stanzer Tal ganz besonders vielfältig. Die meisten seiner Gipfel bestehen aus an sich hartem, wegen seiner hohen Klüftigkeit jedoch leicht verwitterndem Hauptdolomit, einer Mischung von Kalk und Magnesit. Man erkennt ihn leicht an den vielen großen Schutthalden. Der Dolomit wurde in flachen und mindestens 30 Grad warmen Meeresbecken „geboren“. Zwischen diesen Gesteinspaketen sind weichere Materialien eingelagert, die sich durch sanfte, abgerundete Geländeformen, fruchtbaren Boden und eine dementsprechend üppige Vegetation verraten. So sind die „Grasberge“ der Allgäuschichten einerseits für ihre herrlichen Blumenwiesen bekannt, aber auch wegen ihrer Murtobel und Lawinenanbrüche gefürchtet. Wer dieses vor etwa 200 bis 158 Millionen Jahren am Grund des „Jurameeres“ abgelagerte Gestein näher betrachtet, wird an seinen Bruchflächen meist dunkelgraue Flecken erkennen – Erinnerungen an winzige Tiere, die den Schlamm als Nahrungsquelle nutzten.

Was ebenfalls auffällt: Die Gesteinsschichten liegen nicht nur, wie man es nach ihrer Entstehung erwarten würde, horizontal. Da und dort sind sie steil aufgestellt und bizarr verformt. Dies geht auf den zweiten und noch dramatischeren Akt der Gebirgsbildung zurück: Seit vor etwa 135 Milllionen Jahren der „Superkontinent“ Pangäazerbrach, schwimmen riesige Kontinentalplatten auf dem zähen Mantel des flüssigen Erdinneren. Die afrikanische Platte bewegt sich bis heute gegen den europäischen Urkontinent, überschob Teile davon (wovon z. B. die Vulkane Süditaliens zeugen) und faltete riesige Gebirgswälle auf. So entstanden seit etwa 100 Millionen Jahren die Pyrenäen und der nordafrikanische Atlas, die Alpenkette und der Karpartenzug.

Durch den unvorstellbar langsamen, aber ebenso unerbittlichen Druck der Kontinaldrift wurden die einstigen Meeresablagerungen über das Wasser gehoben, hunderte Kilometer nach Norden verfrachtet und wirr verbogen – an manchen Stellen so sehr, dass ältere über jüngeren Gesteinsschichten zu liegen kamen. An manchen Stellen sank das Gebiet wieder ab, das Meer drang ein weiteres Mal ein und die Sedimentation begann von vorne.

Im deutlichen Gegensatz zu den hellen Kalkalpen stehen die dunklen Bergriesen der Verwallgruppe. Dieses Gebirge zwischen dem Montafon und dem Paznaun, dem Kloster- und dem Stanzer Tal gehört zu den Zentralalpen und besteht – abgesehen von kleinen Kalkbereichen im Stanzer Tal oder dem Itonskopf bei Bartholomäberg – aus kristallinem Baumaterial wie Gneisen, Quarzphyllit oder Hornblendegesteinen. Die Gneisberge zeigen vergleichsweise sanfte Geländeformen, die Hornblendegesteine bilden jedoch atemberaubend kühne Gipfel, darunter etliche Dreitausender. Auch ihre Genese klingt unglaublich: Im Zuge der Alpenauffaltung gerieten Teile des Sedimentgesteins und der ozeanischen Erdkruste unter die afrikanische Platte, wo sie sich unter gewaltigem Druck und großer Hitze veränderten. Dieses „Umwandlungsgestein“ kam später wieder nach oben – damit wurden aber auch die Kalkschichten gehoben und rutschten in ihre heutige Position am Nordrand der Alpen.

Gebirge im Wandel

Hätte da wie dort nicht der Zahn der Zeit zu nagen begonnen, wären die Alpen heute vielleicht bis zu 15.000 m hoch. So aber lockert der Frost das Gestein, Schnee und Regenwasser transportieren abgeplatzte Felsbrocken in die Täler, Flüsse tragen den Schutt ins Flachland hinaus. Als besondere Landschaftsbaumeister betätigten sich natürlich die Gletscher der Eiszeiten, die Gipfel und Kare zu ihrer heutigen Form modellierten und die typischen Trogtäler des Inns oder des Lechs hinterließen. Zudem verdanken wir ihnen Bergseen, Moränenwälle und Bergsturzhalden. In einigen Karen halten sich bis heute noch kleine Gletscher und steile Eisfelder, die seit ihrem letzten Höchststand vor etwa 150 Jahren mehr und mehr zusammenschmelzen. Man sieht: Die Landschaft lebt – und ein neugieriger Blick entlockt ihr so manches Geheimnis!