Zugegeben: die beschriebene Skitouren-Subregion der Hohen Tauern von der Glocknergruppe über die Schobergruppe zur Goldberggruppe ist recht heterogen und besteht im Wesentlichen aus zwei Talschaften – Kals und Mölltal. Beide sind aber von Osttirol über das Iseltal zwischen Matrei und Lienz zugänglich. Das Tourenmenü umfasst zwar überwiegend anspruchsvolle Skitouren, besonders in der Schobergruppe. Aber auf viele Dreitausender kommt man gletscherfrei oder im Winter zumindest spaltenfrei hinauf, und einige sind richtige – wenn auch mit Ausnahme des Tourenstützpunkts der Oberwalder Hütte – lange Genusstouren. Im Winter geöffnete Hütten bieten mindestens im März und April Bewirtung und Unterkunft.

Vom Großglockner zum Bösen Weibl: Kals

Steil schießt die Firnflanke des oberen Ködnitzkeeses auf den Gipfel der felsdunklen Masse des Großglockners zu, welche sich auf den Stüdlgrat zu stützen scheint. Welcher Skitourengeher hat nicht schon davon geträumt, seine Spur hier auf der Südseite des Bergfürsten in den Schnee zu legen, zu Fuß unter idealen Bedingungen zum Gipfel zu „joggen“ und direkt in firnspritzenden Skischwüngen über das im Sommer so gefürchtete Glocknerleitl ins Tal zu brechen? Von Kals führt die eleganteste Route zum Ziel aller Bergsteigerwünsche, wo ein schneller Sonnenaufstieg von sahneweichem Skitourenfirn abgelöst wird. Der benötigte Stützpunkt, die 1868 erbaute Stüdlhütte (2.802 m), brach langsam aber sicher wegen Bodenbewegungen auseinander und wurde 1996 durch einen futuristisch in Aluhülle eingewicktelten Bau mit bunter Indoor-Kletterwand ersetzt.

Die Crux der Tour taucht erst nach der Übernachtung und steilem Aufstieg mit Harscheisen unter der Bindung über die Firnflanke des Ködnitzkeeses auf: Der abschüssige, im Sommer blanke oder mit tückischem Sulzschnee bedeckte Eisaufschwung des Glocknerleitl. Fast jedes Jahr fallen dem Gedrängel zwischen den Auf- und Absteigenden im Sommer erschöpfte Alpinisten und unerfahrene Touristen zum Opfer. Danach geht es vom schrägen Firndach des Kleinglockners am Drahtseil hinab zum schwindelerregend schmalen Firnsteg der Glocknerscharte. Der anschließende Felsanstieg zum Gipfel des Großglockners (3.798 m, 3,5 Std., 1.000 Hm ab Hütte) ist ein Genuss, beeinträchtigt nur von sich verheddernden Seilschaften – selbst im Winter.

Ganz im Schatten des höchsten Gipfels der Ostalpen (abgesehen vom Ortler in den Südalpen) steht das Böse Weibl am nordwestlichen Rand der Schobergruppe. Am besten besteigt man es kurz vorm Kalser Glockner-Ausgangspunkt (bewirtetes Lucknerhaus, 1.916 m) von der Talstation der Materialseilbahn zur Glorer Hütte aus. Woher der früher Kramul genannte Berg seinen Namen hat, ist unklar; von der bergtechnischen Schwierigkeit jedenfalls nicht. Kein Dreitausender der südlich zwischen Großglockner und Goldberggruppe gelegenen Schobergruppe ist leichter. Zudem ist die bis auf ihre Aufstiegslänge gemütliche Tour recht abwechslungsreich. Während man anfangs in der Gruppe schwatzend über relativ steile Almflächen zügig hinaufquert, muss der Führende sich nach dem Peischlachtörl (2.484 m) etwas konzentrieren. Denn die eiszeitlichen Gletscher haben an der Nordseite des Bösen Weibl eine weite Fläche aus Buckeln und Moränen ins Urgestein modelliert. Die Kunst ist es, immer links des tief eingeschnittenen Peischlachbachs den günstigsten Durchschlupf durch diese bucklige Welt zu finden.

Als Belohnung winkt ein Gipfelaufbau, der auch dann noch Pulverschnee haben kann, wenn am Ausgangspunkt die Krokusse blühen. Am Gipfel des Bösen Weibls (3.119 m, 4,5 Std. 1250 Hm) angekommen, ragt im Norden wuchtig der Großglockner über seiner Gipfelschar auf. Im Süden erheben sich die schwarzweiß-gescheckten Felsgipfel der größtenteils bis in den Juni vereinsamten Schobergruppe, während im Nordwesten der schneeweiße Großvenediger (3.666 m) seinen Kontrapunkt setzt.

Übrigens wird auch der für die Gebirgsgruppe namengebende Hochschober (3.242 m) als Frühjahrsskitour aus dem Kalser Tal gemacht, nämlich von Lesach über die Lesachalmhütte (1.828 m), die allerdings erst ab Mitte Juni bewirtet ist. Die meist im April und Mai begangene Skihochtour durch das nordwestlich ausgerichtete Ralftal und über das steile, schattseitige Schoberkees erfordert zwar sicheres Aufgleiten und Abfahren sowie Beurteilung von Lawinen- und Spaltenrisiko. Sie ist aber für Skihochtourengeher auch landschaftlich ein Hochgenuss. Denn den weiten Abschlusskessel des Ralftals umstehen schroffe Felsgipfel über tief eingeschnittenen Scharten, von denen auch das Schobertörl (2.898 m) und besonders der Ralfkopf (3.106 m) lohnende Skitouren hergeben.

Alpine Touren im oberen Mölltal

Sowohl der Großglockner als auch das Böse Weibl lassen sich per Ski auch aus dem Mölltal besteigen. Aber zum Bösen Weibl müssen Liebhaber von Geheimtipps erst eine halbe Ewigkeit durch das einsame Gößnitztal aufsteigen zum Winterraum der Elberfelder Hütte (2348 m; ab Hütte nur noch 800 Hm, 3 Std.). Dafür verspricht der im Sommer doch recht blockige Aufstieg und das sich unterm Gipfel aufsteilende Kesselkees hinter der gleichnamigen Scharte eine lohnende Abfahrt. Wer den Gletscher, dessen Steilstufe oder am Rückweg den Gegenanstieg zur Scharte vermeiden will, der kann über den skifahrerisch uninteressanten Nordostrücken gleiten. Ansonsten sind von der Elberfelder Hütte neben Übergängen und Schartentouren einige reichlich alpine Gipfeltouren möglich – wie die gletscherfreie Rassetour mit Kletterabschluss zum Roten Knopf, dem zweithöchsten Gipfel der Schobergruppe (3.281 m, 950 Hm, 3,5 Std.).

Die nicht nur konditionell anspruchsvolle Glockner-Skitour von dem ab Mai bewirteten Alpincenter Glocknerhaus (2.132 m) ist schon deutlich beliebter. Sobald die Straße geräumt ist, lässt sich auch direkt zur Franz-Josephs-Höhe (2.370 m) überm Pasterzenkees auffahren, wo die bis Ende Mai/Anfang Juni schneesichere Skiroute eigentlich startet. Das nordostseitige Hoffmannskees mit seiner langen Steilstufe ist allerdings ein gefährlicher Genuss, denn immer wieder fallen hier Bergsteiger in Spalten. Auch lange schneesicher, aber deutlich leichter und im Winter nahezu spaltenfrei sind talein von der Franz-Josephs-Höhe die Skitouren um die Oberwalder Hütte (2.973 m; bewirtet ab Mitte Juni, zehn Winterraum-Plätze). Auf dem kilometerweiten Pasterzenboden im Angesicht des Großfürsten sind die relativ kurzen Skihochtouren zum Johannisberg (3.453 m, 500 Hm, 2,75 Std.) oder dem Mittleren Bärenkopf (3.358 m, 400 Hm, 2 Std.) besonders beliebt. Schaut man nordseitig über die steil abbrechenden Gletscherflanken wie das Karlingerkees hinab zum bewirteten Berghotel Rudolfshütte (2.315 m), stellt man fest, dass Berge meist zwei Seiten haben: eine zahme und eine wilde. Hier führen auch über die wilde Seite Skirouten hinauf.

Lange Touren und Geheimtipps: westliche Goldberggruppe

Es kommt bei „verbauten“ Gipfeln selten vor, dass genau der höchste Punkt zubetoniert ist. Beim Hohen Sonnenblick ist dies der Fall, nur dass dort kein Panoramarestaurant steht, sondern eines der ältesten und wichtigsten Wetterobservatorien der Alpen. Da sich rundum nur Gletscher und steile Flanken befinden, wird es von der ehemaligen Bergwerkssiedlung Kolm-Saigurn im vom Pinzgau (oberes Salzachtal) aus ganzjährig zugänglichen Rauristal mit einer 1.500 Höhenmeter überspannenden Materialseilbahn versorgt. Von dort aus gleitet man per Ski, die Windungen alter Knappensteige abkürzend und den Gipfelgrat in einer Schleife umgehend, in einer Folge von Steilstufen und Karwannen über das Goldbergkees üblicherweise auf zum Hohen Sonnblick (3.105 m, 1.500 Hm, 5 Std.).

Die Skitour von Heiligenblut im Mölltal aus frisst noch mehr Höhenmeter und ist deutlich länger (1.600 Hm, 6 Std.; Ausgangspunkt in Straßenkehre unterhalb Goldwaschanlage). Andererseits wird einem im vereinsamten Kleinen Fleißtal, unter dunklen Schrofenwänden mit gefrorenen Wasserfällen nicht langweilig. Kaum merklich steilt sich der Hang im Talkessel auf, bis der Aufstiegs-Fahrweg ausweicht und der Skitourengeher sich selbst eine Route suchen darf. Kaum hat man den Hang überwunden, blockiert die zerklüftete Zunge des Kleinfleißkeeses den Weg, die sich aber gut linksseitig umgehen lässt. Wie eine Insel mit Turm ragt der Hohe Sonnblick aus der weiten Schneefläche des Gletschers. Das immer offene Zittelhaus mit Winterraum bietet dem hereingewehten Skitourengeher Schutz und vielleicht kann er im Observatorium vor dem Fernseher der Meteorologen bei einem Skirennen mitfiebern.

Abfahrtstechnisch eindeutig lohnender und zudem relativ lawinensicher ist allerdings der Geheimtipp des südwestseitigen Sandkopfs, wo sich im Sommer die Wiesen bis zum Gipfel hochziehen. Weder Berg noch Tour mögen spektakulär sein. Aber die direkte Aufstiegslinie von Apriach oberhalb des Mölltals ist elegant und bis auf den Fahrwegsabschnitt zum Apriacher Kaser (1.750 m) für Skitouren-Routiniers ein unverstellter Hochgenuss. Denn ab hier geht es nur noch zügig hinauf zum Gipfel (3.090 m, 1.600 Hm, 5 Std.) – über Waldlichtungen, Hochalmen und den bei sorgfältiger Routenwahl meist lawinensicheren Südwestrücken. Am Gipfel breitet sich im Westen die wilde Szenerie der zerklüfteten Schobergruppe aus, während sich im Nordwesten der Großglockner von seiner schönsten Seite zeigt: dem in der Morgensonne gleißenden Ostrücken. Über das Hohenwartkees darunter gelangten die Erstbesteiger am 28.7.1800 zum von hier aus tatsächlich glockenförmigen Gipfel. Nördlich blickt man hinüber zum Goldzechkees, unterhalb dessen im Mittelalter auf 2.700 Metern Höhe unter mühseligen Bedingungen in Stollen Gold gehauen wurde: daher die Regionsbezeichnung Goldberggruppe. In rassigen Schwüngen geht es die Steilstufen unterm Sandkopf hinab, gefolgt vom genussvollen Wedeln auf dem Südostrücken. Hier kann einem nur die Sonne einen Strich durch die Rechnung machen.