Für die meisten Bergsteiger liegen die Julischen Alpen und der Triglav mit seiner berühmten Nordwand in der abgelegenen Südostecke der Alpen in einem exotischen kleinen Land namens Slowenien. Und außerhalb der Bergsteigerzunft wird man eher den Wacheiner See oder den Bleder See mit seiner Wallfahrtskirche am lieblich-grünen Ostrand des Triglav-Nationalparks kennen. Dabei ist das Gebirge von München oder Linz auf der Tauernautobahn bis zum Städtchen Jesenice nicht weiter entfernt als über die Brennerautobahn zum Gardasee. Allerdings lassen die in spektakulärer Schroffheit bis 2.000 Meter hoch überm oberen Savetal aufragenden Kalkzacken der „Julischen“ die Felswände der Gardaseeberge ums Sarcatal wie Zwerge erscheinen.

Nicht weit talein vom Portal des Karawankentunnels biegt man bei Dovje links ab nach Mojstrana mit seinem Nationalpark-Informationszentrum. Von hier führt ein staubiger Fahrweg zur Aljazev dom, dem Unterkunftshaus mitten im Herzen des Nationalparks. Noch sieht man nur die unteren Felssporne der Gipfel und die steilen Kare dazwischen über dem Buchenwald aufragen. Aber kaum tritt man im schottrigen hinteren Talkessel der Triglavska Bistrica ins Freie, entfaltet sich vor den ungläubigen Augen eine 1.000 Meter hohe und drei Kilometer breite Kalkmauer, der ein bleicher Felskopf aufsitzt: Die berühmte Nordwand des Triglav mit dem Kulminationspunkt der Julischen Alpen. Kaum zu glauben, dass der Grazer „Gilde vom groben Kletterschuh“ (Reinl/König/Domenigg) vom 9. auf den 10. Juli 1906 hier auf schuttbedeckten Bändern und durch brüchige Rinnen die Erstbegehung inklusive Biwaknacht nach Wettersturz im III. Schwierigkeitsgrad gelang. Da passt das viel fotografierte Denkmal mit mannsgroßem Haken und Karabiner wie die Faust aufs Auge, an dem vorbei man aufsteigt zum Luknja-Sattel (2.758 m).

Hier ruhen gerne 2.000 Höhenmeter vom Trentatal im Westen heraufgekommene, einheimische Bergsteiger zum Entspannen in der Wiese und charakterisieren damit die lockere Herangehensweise an ihr wildes Gebirge. Die kann man beim Triglav-Aufstieg über den Bambergweg auch gebrauchen, denn wie die meisten der vielen Klettersteige der Julischen Alpen in Slowenien zeichnet sich dieser nach dem steilen, aber gut versicherten „Anfängerkiller“ durch sparsamen Einsatz von Eisen aus: Immer wieder unterbrechen freie Kraxelpassagen die Drahtseilsicherungen, die dafür perfekt in Schuss sind. Nach eindrucksvollen Seitenblicken in die Nordwand des Triglav gelangt man über die Dolinen- und Trümmerlandschaft eines einsamen Hochplateaus zum Gipfelaufbau. Ein Kamin leitet in rötlichem Fels hinauf zum schuttbedeckten Südrücken, der unbeliebten leichtesten Aufstiegsroute zum höchsten Punkt mit seiner blechernen Biwakkapsel (2.864 m, 1.850 Hm, 6 Std.).

Wie riesige Termitenhügel stehen im fernen Westen die Dolomiten hinter den Karnischen Alpen, während im Vordergrund die Felszinnen der Wischberggruppe und das stolze Horn des Montasch die westlichen Julischen Alpen im italienischen Julisch-Venetien/Friaul markieren. Bis zu den Eis- und Felsspitzen der Tauern reicht das Panorama im Norden und an kristallklaren Herbsttagen kann man wohl bis zur Adria blicken. Kein Wunder, dass an solchen Wochenenden Hundertschaften auf den Nationalberg der Slowenen pilgern, die meisten über den Normalweg von der Triglavski dom, den Klettersteig-Papst Eugen Hüsler als Igelsteig bezeichnet: Kein Drahtseil, sondern Eisenstangen ziehen sich über den Ostgrat herauf, an denen man sich entlanghangeln, aber mit dem Klettersteigset nur provisorisch sichern kann. Das im slawischen Stil mit Walmdach erbaute Triglav-Haus ist größer als es erscheint. Wie in jeder Berghütte herrschen drinnen dampfiges Klima und redselige Stimmung; nur das Essen ist einfacher und die Lager sind unbeheizt.

Der Nordabstieg über das Karstplateau des Kotel lässt sich durch einen Abstecher zum Cmir (2.383 m) versüßen – einem langen einsamen Gratsteig mit Sicherungen, auf dem einem Enziane, Edelweiß und Steinböcke begegnen, die man auf den belebteren Touren meist vermisst. Zu Füßen des Begunjski Vrh (2.461 m) spaltet sich der Abstiegsweg in zwei Klettersteige auf: Steil und erstaunlich wenig gesichert fällt der Pragweg am Ostrand der Triglav-Nordwand über Rinnen und Schuttterrassen ab in den Talkessel der Bistrica. Auf grünen Bändern zwischen schroffen Felswänden führt der mühsamere, aber abwechslungsreichere Tominsekweg zurück zur Alyazew dom – immer die wild zerklüftete Kalkspitze des nach dem Montasch dritthöchsten Julischen Gipfels vor Augen, der Skrlatica (oder Suhi Plaz). Dort gelang Julius Kugy, dem unermüdlichen Erschließer der Julischen Alpen, 1880 eine seiner kühnsten Erstbegehungen im Reich des Zlatorog, des Gamsfürsten. Zusammen mit seinem langjährigen Führer, dem Klettertalent Andreas Komac, und einem Wilderer aus dem Trentatal bezwang er nach mühsamem Zustieg über mehrere Pässe den versteckten Gipfel durch steile Kamine und über einen glatten Überhang. Der heutige Normalweg zieht direkt von der Hütte steil empor, um nach einem mühsamen Durchschlupf zwischen Felsen und Schutt plötzlich ein weites, blumenüberzogenes Wiesenplateau zu erreichen. Nach ausgesetzter Querung in das Hochkar Zadni Dolek steht man plötzlich unter der Gipfelflanke, die per Klettersteig mit schwieriger Schlüsselstelle zur gut markierten Kraxelei am Südgrat der Skrlatica umgangen wird (2.740 m, 1.750 Hm, 5,5 Std.).

Danach hat man sich eine besinnlichere Bergtour verdient. Fährt man wieder zum Savetal raus und hat dort die Fahrt talein überlebt (die Slowenen fahren wie die Henker), ragt wie ein polierter Zahn der Spik aus den südlich über Gozd Martuljek (750 m) stehenden Felswänden heraus. Hier lohnt es sich, wie die meisten der zahlreichen Touristen Klamm und Wasserfall des Martuljek-Bachs zu besichtigen. Zwei Wege führen dann weiter zu Karen mit Biwakhütten unterhalb der Kalkmauern, in denen sich übernachten lässt, nachdem man den Schlüssel im Tal abgeholt hat. Während das Bivak III im Za Akom eher Einsamkeit suchenden Alpinisten gefallen wird, ist beim komfortablen Bivak pod Spicam (1.424 m) der Name Programm: Hier starten einige der anspruchsvolleren alpinen Kletterklassiker der Ostalpen durch die Spik-Nordwand mit langem, brüchigem Kletterzustieg und 600 Höhenmetern sicherungsarmer Kletterei im V./VI. Schwierigkeitsgrad – sofern man die Route findet.

Wer trotzdem dem Spik aufs Dach steigen will, der begibt sich in den Nachbarort Kranjska Gora, das international bekannte Skigebiet, in dem 2007 der Abfahrts-Weltcup zwischen grünen Wiesen stattfand. Vom Hotel Erika (870 m) an der Straße Richtung Goricia wandert man das Krnica-Tal einwärts, immer im Angesicht der von hier aus unzugänglichen Kalkriesen: Von tiefen Klüften zwischen rasiermesserscharfen Kalkgraten zerschrundet schneidet der spitze Razor elegant den Himmel, während der Prisojnik wuchtig auf seinem weitläufigen Felsvorbau mit Wasserfall steht. Steil und anstrengend zieht der Weg über die Westflanke des Spik hinauf, um nach sparsamen Drahtseilpassagen in einem Abstecher zum zertrümmerten Gipfel zu kulminieren (2.472 m, 1.600 Hm, 4,5 Std.). Er ist Teil einer Runde, die nach Klettersteig-Überschreitung der Lipnica (2.418 m) über die mitten in der Felswildnis gelegene Koca v Krnici (Krnici-Hütte, 1.113 m) zurückführt.

Aber auch Prisojnik und Razor sind nicht unbezwingbar. Wer die Straße Richtung Goricia in Serpentinen weiterfährt, gelangt am Übergang ins Trenta-Tal zum Pass Vrsic mit dem Unterkunftshaus Ticarjev dom (1.618 m). Nach kurzem Zustieg südostwärts kann man bereits das Klettersteig-Equipment anlegen, wobei sich am Beginn eines Nordgrats die Spreu vom Weizen trennt. Die meisten steigen über diesen zum Vorgipfel Vrh Kraj sten (2.311 m) auf und nehmen den mittelschweren Westgrat des Jubiläumswegs (Jubilenja pot) unter die alpintauglichen Klettersteigschuhe (oder klettertauglichen Bergschuhe). Wer fit genug ist, wagt sich nach einer Ostquerung an den rassigen Nordwand-Klettersteig (Jeseniska pot). Kaum zu glauben, dass man über diesen Felspfeiler am Rand der plattigen Nordwand hinauf kommt – und kein Wunder, dass der Aufstieg am Drahtseil Kraft und Geschicklichkeit erfordert. Nach einer abdrängenden Kriechstelle schlüpft man durch das Vordere Fenster und erreicht mit der Schar der julischen Normalverbraucher zusammen den Gipfel des Prisojnik (2.547 m, 1.000 Hm, 5 Std.). Hier lässt sich entweder direkt über einen steilen Karsteig absteigen und zum Ausgangspunkt queren. Oder man wandert und kraxelt auf dem Jubiläumsweg meist südseitig über Bänder, Scharten und Steilstufen am Felstor des Hinteren Fensters vorbei weiter und steigt westseitig teils gesichert auf zum Sedlo Planja (Planja-Sattel, 2.349 m). Knapp darunter beginnt der Aufstiegsabstecher von hinten zum Razor (2.601 m). Wer diese Plackerei über Schutt und Schrofen hinter sich gebracht hat, weiß, was er getan hat, wenn er im Abendlicht mit schlackernden Knien im Pogacnikov dom (2.050 m) einkehrt. Wie eine Spinne fängt das Schutzhaus zwischen weiten Hochflächen mit Seeaugen die Bergsteiger im Wegenetz, von dem sich über Pässe hinabsteigen lässt ins Krnicatal, Vratatal und direkt den 1400 Meter tiefen Westabfall ins Trentatal mit der rauschenden Soca. Von dort schaut Julius Kugys Statue herauf in seine geliebten Julischen Alpen.