Nur eine Route – die sogenannte Dawn Wall – hat bisher niemand im Freiklettern, das heißt ohne künstliche Hilfsmittel, geschafft und selbst die besten Kletterer der Welt trauen sich nicht an sie heran. Doch nun wagen zwei Kletterer das scheinbar Unmögliche. Die beiden amerikanischen Freeclimber Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson wollen das schaffen, was vor ihnen noch niemandem gelungen ist: die 1.000 Meter hohe Steilwand des El Capitan ganz ohne Hilfsmittel, nur mit Händen und Füße durchsteigen.

1970 bezwangen Warren Harding und Dean Caldwell die extrem schwierige Dawn Wall, jedoch mit Hilfe zahlreicher ins Gestein gebohrter Haken und indem sie sich streckenweise mit Flaschenaufzügen nach oben hievten. Der Ansatz von Tommy Caldwell und seinem Mitstreiter Kevin Jorgeson ist ein völlig anderer – sie klettern frei, leidglich ein Seil dient zur Sicherung im Fall eines Sturzes. Diese Methode ist nicht nur kraftraubender, sondern auch zeitaufwändiger. Die zwei Extremsportler verbringen bereits zwei Wochen an der Wand. Zwischendurch musste auch ein Tag Pause eingelegt werden, weil die Finger zu zerschunden waren. Oft sind Caldwell und Jorgeson auch in den Abendstunden und nachts unterwegs, wenn die Temperaturen sinken und die Hände nicht so schwitzen.

Der Weltrekord an der Granitwand zählt zu den schwierigsten Besteigungen aller Zeiten. Während der Expedition nächtigen Caldwell und Jorgeson direkt über dem Abgrund an der Wand in sogenannten Portaledges – Biwaks die an einem Felshaken befestigt werden. In Zeiten des Internets lassen die beiden Freeclimber den Rest der Welt an ihrem Abenteuer teilhaben und teilen regelmäßig ihre Fortschritte in den sozialen Netzwerken.

Wenn alles klappt wie geplant, werden Tommy Caldwell und Kevin Jorgeson in wenigen Tagen nur allein mit der Kraft ihrer Hände und Füße, Motivation und Willensstärke die Mutter aller Steilwände bezwungen haben und auf dem Gipfel des El Capitan stehen.



Foto: © iStockphoto.com/Gary Tognoni