Dachsteinkalk und Gosauschichten, die Hallstattkultur und Schladminger Loden: An Markennamen in verschiedensten Bereichen ist das Dachsteingebiet nicht arm. Außergewöhnlich ist auch die Geschichte der glaubensfesten Ramsauer Protestanten, die ihre Messen während der Gegenreformationszeit heimlich auf Heuböden oder versteckten Gipfeln abhielten. Nachdem Kaiser Joseph II. das Toleranzpatent erließ, wurde Ramsau zur ersten „Toleranzgemeinde“ der Steiermark. Der Ramsauer Bibelsteig gibt heute noch einen Begriff davon, was es hieß, die Heilige Schrift Martin Luthers aus der Gosau übers Dachsteingebirge zu schmuggeln: Für die Begehung der Route über die Ramsauer Almen, das „Tor“ am Fuße des Torsteins, den Sulzenhals und auf dem Austriaweg rund um den Gosaukamm brauchen Sie nicht nur die körperliche Kondition für zwei oder drei ausgefüllte Tourentage, sondern auch Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.

Dichter und Denker am Dachstein

Die Schönheit des Dachsteingebirges entdeckte man erst im 19. Jahrhundert. Maler wie Ferdinand Waldmüller bannten seine Gletscher auf Leinwand und brachten sie damit in die gebildeten Zirkel des städtischen Bürgertums. Adalbert Stifter verwob die Hochgebirgslandschaft in Werke der Weltliteratur („Bergkristall“, „Nachsommer“) und wurde damit zum Vorläufer der ersten Reiseschriftsteller, die ihre Erlebnisse in viel beachteten Erlebnisführern publizierten. Friedrich Simony begründete auf dem Dachstein die moderne wissenschaftliche Geographie: Der „Abenteurer im Gelehrtenrock“ beschrieb, zeichnete und fotografierte jeden Winkel des Karst- und Gletschergeländes, verbrachte als erster Mensch eine Nacht auf dem Gipfel und besuchte das ewige Eis sogar im Winter (was damals noch als selbstmörderisch angesehen wurde). 1843 ließ er die Gipfelroute auf den Hohen Dachstein mit Sicherungen entschärfen, womit er den ersten Klettersteig der Alpen schuf. Auch die erste Schutzhütte des Dachsteingebirges geht auf ihn zurück.

Abenteuer in Fels und Eis

Höhlenforscher erlebten in den schier unendlichen Höhlensystemen des Karststocks Sternstunden der Speläologie und auch die alpine Erschließungsgeschichte des Dachsteingebirges strotzt nur so von Marksteinen: 1812 stieß der abenteuerlustige Erzherzog Karl bis zum (damals noch weit hinabreichenden) Hallstätter Gletscher vor, 1832 erklomm der Filzmooser Bauer Peter Gappmayer als Erster den fast 3.000 m hohen Gipfel des Dachsteins, 1909 durchkletterten die Ramsauer Franz und Georg (Irg) Steiner erstmals die gewaltige Dachstein-Südwand, 1913 bezwang Paul Preuss mit einem Begleiter den Däumling im Gosaukamm, den (damals) schwierigsten Klettergipfel des Dachsteingebirges. Alpine Superlative bietet der Dachstein auch heute noch, etwa mit seinen neuen Sportklettersteigen. Wer mit Seil und Haken nicht vertraut ist, die Faszination senkrechter Felsen aber trotzdem erleben möchte, hat seit 2005 bei der Bergstation der Dachstein-Südwandbahn dazu Gelegenheit: Dort erlebt man auf einer Aussichtsplattform mit einer Bodenplatte aus Glas das kribbelnde Gefühl, das ein „Skywalk“ 1.000 m über dem Almboden hervorruft …

Prähistorische Almen

Der Dachstein fasziniert also viele Menschen. Wer aber waren die Ersten, die überhaupt in dieses Gebirge vordrangen? Interdisziplinäre Forschungen – vor allem durch die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter des Vereins ANISA – haben das Bild der Geschichte in den letzten Jahren gründlich durcheinandergewirbelt. So ist heute gewiss, dass es bereits in der Bronzezeit (2300-700 v. Chr.) temporäre Siedlungen auf der Karsthochfläche gab. Ausgegrabene Knochenreste zeigen, dass damals Rinder, Schweine, Schafe, Ziegen und auch Hunde als Haustiere gehalten wurden; Funde von Waffenresten weisen auf die Jagd hin. Ob auch die vielen Felsritzzeichnungen – bisher wurden allein im östlichen Dachsteingebiet an mehr als 2.000 Stellen eingravierte Zeichen und Figuren entdeckt – auf diese Epoche zurückgehen? Neueren Untersuchungen zufolge dürften sie großteils aus dem Mittelalter und der Neu- zeit stammen; ihre Symbolik (Striche und Kreuze, Mühlespiele oder Lebensbäume) weisen aber wohl in graue Urzeiten zurück.

Die uns bekannte Art der Almwirtschaft entstand im 12. und 13. Jahrhundert. Ihre Blütezeit endete mit der deutlichen Klimaverschlechterung, die um das Jahr 1580 einsetzte (und bis 1850 die Gletscher anwachsen ließ). Von den einst 2.000 Almen im Dachsteingebiet blieben nur wenige bis in unsere Zeit erhalten – vor allem oberhalb von Filzmoos und Ramsau, wo sie heute noch nach traditioneller Art bewirtschaftet werden und beliebte Wanderziele bilden.

Veröffentlicht am 27. Juli 2016