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Lawinengefahr: Basiswissen kann im Notfall Leben retten

Für Wintersportler wie Freerider, Skitourengeher und Schneeschuh-wanderer ist der Wintersport abseits der präparierten Pisten ein absolutes Muss. Doch das aufregende Gelände ist oft auch das gefährlichste und es muss immer mit einem Lawinen-abgang gerechnet werden. Mit ein bisschen Übung lassen sich potentielle Lawinengefahren jedoch frühzeitig erkennen und Unfälle somit reduzieren oder gar vermeiden.

Immer mehr Wintersportler reizt die Freiheit bei der Wahl der Strecke für die Abfahrt mit dem Snowboard oder die Schneeschuhwanderung. Deshalb sind sie abseits der gesicherten Pisten unterwegs. Die Wahl einer eigenen, nicht präparierten Piste durch die verschneite Landschaft ist aber immer mit einer größeren Lawinengefahr verbunden und Lawinen sind niemals ungefährlich. Deshalb sind Grundkenntnisse in Lawinenkunde für den sicheren Wintersport abseits der Piste unabdingbar, um Unfälle – sowohl für sich als auch für andere – zu vermeiden.

 

Ausrüstung

Für Freerider und Skitourengeher ist eine vollständige Notfallausrüstung unentbehrlich. Bei Winteraktivitäten abseits der Piste gehört ein Lawinenverschüttetensuchgerät (kurz LVS) zur Standardausrüstung. Auch eine Lawinensonde sowie eine Lawinenschaufel sollten immer dabei sein, um im Notfall einen Verschütteten bergen zu können. Eine Handy, um den Rettungsdienst zu verständigen, und eine Erste-Hilfe-Set zur Erstversorgung des Verschütteten runden die Ausrüstung ab.

Doch nicht nur eine gute Sicherheits-ausrüstung sollte bei Ausflügen in der verschneiten Landschaft im Gepäck sein – auch der richtige Umgang damit muss gelernt sein. Die Verschüttetensuche muss darum regelmäßig trainiert werden, um im Ernstfall sicher und schnell agieren zu können.

 

Rettung

Schnelles und sicheres Handeln ist bei der Bergung von Verschütteten lebenswichtig. Innerhalb der ersten 18 Minuten nachdem man verschüttet wurde, liegt die Über- lebenschance noch bei 90 Prozent. Nach jeder weiteren Minute sinken die Chancen rapide.

Kommt es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einer Verschüttung infolge eines Lawinenabgangs müssen sich die Ersthelfer zunächst einen Überblick über die Situation verschaffen. Wichtig ist dabei: Wie viele Verschüttete gibt es und an welchem Punkt sind sie verschwunden – wo muss also gesucht werden? Falls ihr in den Bergen Mobilfunkempfang habt, muss ein kurzer Notruf erfolgen und der Rettungsdienst informiert werden, bevor mit der Suche nach den Verschütteten begonnen wird.

Für die Suche müssen neben dem LVS (einem elektronischen Sende- und Ortungsgerät, das immer nah am Körper getragen wird) auch die Augen und Ohren eingesetzt werden. Eventuell entdeckt ihr Ausrüstungsteile oder hört einen Hilferuf. Falls der Verschüttete komplett von den Schneemassen begraben wurde, hilft das LVS dabei, den Verschütteten schnellstmöglich zu lokalisieren und das Suchfeld einzugrenzen. Für die Feinsuche wird dann die Sonde benötigt, die systematisch vorsichtig senkrecht in den Schnee gesteckt wird, um die Tiefe des Verschütteten zu bestimmen. Außerdem könnt ihr so die genaue Lage bestimmen und spart wertvolle Zeit indem ihr verhindert, dass ihr an der falschen Stelle mit dem Schaufeln beginnt. Es ist etwas Übung nötig, um mit der Sonde genau bestimmen zu können, ob man den Verschütteten lokalisiert hat oder nur Eisschichten oder Felsen gestoßen ist.

Ist der Verschüttete gefunden, befreit man beim Ausschaufeln systematisch den Kopf und die Atemwege vom Schnee, damit der Verschüttete schnell wieder atmen kann. Je nachdem wie schwer die Verletzungen sind, muss umgehend mit den lebensrettende Maßnahmen begonnen werden, während der Verletzte weiter ausgegraben wird. Sobald der Rettungsdienst eingetroffen ist, wird der Verschüttete abtransportiert.

 

 

Um das Risiko, selbst von einer Lawine verschüttet zu werden, so gut wie möglich zu minimieren, sollte man folgende Punkte beherzigen. Bevor man sich in ein ungesichertes Gebiet begibt, sollte man grundsätzlich den aktuellen Lawinen- und Wetterstand im Internet checken. Sind die Verhältnisse nicht ideal und es besteht eine erhöhte Lawinengefahr? Dann geht ihr besser kein unnötiges Risiko ein und verzichtet auf euren Ausflug oder verlegt ihn in ein anderes Gebiet. Auch vor Ort sollte man nochmals überprüfen, ob der Wetterbericht mit der tatsächlichen Wetterlage übereinstimmt. Wenn ihr kein gutes Gefühl habt, vertraut auf eure Intuition und verzichtet lieber auf eine Tour oder Abfahrt.

Fahrten abseits der Piste sollten nie alleine, sondern immer mit Begleitung durchgeführt werden. Steile Hänge fährt man beim Freeriden am besten einzeln bzw. nacheinander ab. Vor der Abfahrt wird geschaut, was sich oberhalb und unterhalb von einem selbst befindet und ob es mögliche Gefahrenquellen gibt. Ist das Risiko zu groß, kehrt um oder wählt einen anderen Weg.

 

Die häufigsten Lawinenarten

Schneebrettlawinen zählen zu den klassischen Lawinen und sind an ihrem linienförmigen Anriss quer zum Hang erkennbar. Die große abbrechende Schneedecke rutscht zunächst zusammenhängend und blitzschnell auf einer Gleitschicht – etwa einer Altschneedecke oder einer Eisschicht – ab. Durch die Bewegung beginnt die Schneedecke in kleinere Teile zu zerbrechen und kann sich sogar zu einer Staublawine entwickeln. Schneebrettlawinen sind so gefährlich, weil sie das Opfer mitreißen und unter ihrer tonnenschweren Schneemasse ersticken und erdrücken können. Vor allem an Hängen mit einer Neigung zwischen 30 und 50 Grad tritt diese Art der Lawine auf.

Um eine Lockerschneelawine auszulösen, muss ein Schneeteil von selbst oder durch einen Skifahrer oder Snowboarder in Bewegung gebracht werden. Dieser abrutschende Schneeteil entwickelt sich dann durch eine Kettenreaktion zu einer immer schneller und breiter werdenden Lawine. Die Gefahr für Lockerschneelawinen ist besonders in unverfestigtem Neuschnee und bei gleichtzeitigem Tauwetter oder Sonnenschein groß. Da feuchter Neuschnee wesentlich schwerer ist als Pulverschnee, ist die Art der Lawinen sehr gefährlich.

Wenn eine große Schneemasse einen langen und steilen Hang hinunterrutscht und währenddessen immer mehr Schnee aufnimmt, spricht man von einer Staublawine. Der Schnee wird von der Luft aufgewirbelt und es entstehen kraftvolle Luftdruckschwankungen – vor der Front Druck, dahinter droht Gefahr durch einen gewaltigen Sog. Das Schnee-Luft-Gemisch kann schon nach kurzer Zeit zum Erstickungstod führen. Eine Staublawine erreicht Geschwindigkeiten von 50 bis 100 Meter pro Sekunde.

 

Europäische Lawinengefahrenskala

1 – gering
Eine Lawinenauslösung ist nur bei großer Zusatzbelastung, etwa durch eine Gruppe Skifahrern oder Pistenfahrzeuge, an vereinzelten, extremen Steilhängen möglich. Spontan sind keine Lawinen möglich, da die Schneedecke stabil und gut verfestigt ist.

2 – mäßig
Eine Lawinenauslösung ist bei großer Zusatzbelastung vor allem an angegebenen Steilhängen wahrscheinlich. Größere, spontane Lawinen sind nicht zu erwarten. Die Schneedecke ist gut verfestigt, nur an einigen Steilhängen ist sie weniger stabil. An den angegebenen Steilhängen sollte man mit der Routenwahl vorsichtig sein.

3 – erheblich
Eine Lawinenauslösung ist schon bei geringer Zusatzbelastung vor allem an den angegebenen Steilhängen möglich. Teilweise kann es spontan zu einigen mittleren, ganz vereinzelt aber auch zu großen Lawinen kommen. Die Schneedecke ist an vielen Steilhängen nur mäßig bis schwach verfestigt. Deshalb ist in der Lawinenbeurteilung einige Erfahrung notwendig. Angegebene Steilhänge und Hangexpositionen sollten nach Möglichkeit gemieden werden.

4 – groß
Eine Lawinenauslösung ist bereits bei geringer Zusatzbelastung an vielen Steilhängen wahrscheinlich. Es muss mit spontanen mittleren und sogar großen Lawinen gerechnet werden. An den meisten Steilhängen ist die Schneedecke nur schwach verfestigt. Die Verhältnisse sind ungünstig, bei der Beurteilung der Lawinengefahr ist viel Erfahrung nötig und bei der Routenwahl sollte man sich auf mäßig steiles Gelände (bis 30 Grad Hangneigung) beschränken.

5 – sehr groß
Es besteht akute Gefährdung durch zahlreiche spontane, große Lawinen, auch in mäßig steilem Gelände. Die Schneedecke ist allgemein schwach verfestigt und instabil, weshalb auf alle Touren verzichtet werden sollte.

 

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